19. Mai 2013

Moody’s -Entscheidung

Die schwindende Macht der Ratingagenturen

Von Christoph A. Scherbaum
24. Juli 2012 Die amerikanische Ratingagentur Moody’s hat für die Bonität Deutschlands, der Niederlande und Luxemburgs den Ausblick von stabil auf negativ gesenkt. Die drei Länder, die alle derzeit die Top-Bewertung bei der Kreditwürdigkeit haben, gerieten wegen der „wachsenden Unsicherheit“ im Euroraum ebenfalls in Gefahr, warnte die Agentur am Montagabend nach Börsenschluss in Amerika. Seitens des Bundesfinanzministeriums kam postwendend gleich in der Nacht die Antwort. Man nehme die Meinung von Moody’s zur Kenntnis. Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker hatte ebenfalls nur den schmallippigen Kommentar „Wir nehmen die Entscheidung von Moody’s zur Kenntnis.“

Verärgert ja, unruhig nein

Die Politiker ärgern sich also über die Herabstufung, doch den Märkten ist sie ziemlich egal. Der Deutsche Aktienindex steht nach knapp drei Stunden schon wieder im Plus. Auch die Kreditzinsen Deutschlands sind – zum Beispiel für die zehnjährige Anleihe - nur um sieben Hundertstel Prozentpunkte gestiegen. Also im Prinzip gar nicht. Obwohl ein Zinsanstieg gar nicht so fern läge. Denn viele Anleger bezahlen inzwischen dafür, dass sie Deutschland ihr Geld leihen dürfen.
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Doch die Zinsen bewegen sich nicht. Das zeigt, dass sich viele Investoren wohl mittlerweile mit den vielen Äußerungen und Einschätzungen der Ratingagenturen abgefunden haben. Kurse werden damit nicht mehr gemacht. „Das Thema ist heute nicht groß auf der Agenda“ sagt ein Händler auf dem Frankfurter Parkett.
Dabei ist es im Prinzip so vorgesehen, dass die Ratingagenturen die Kurse machen. Sie verdienen ihr Geld mit der Prüfung, ob Unternehmen kreditwürdig sind – und prüfen das auch für ganze Länder. Die Einschätzung wird in einer Note zusammengefasst und veröffentlicht. Jeder Anleger hat anschließend die Möglichkeit zu entscheiden, ob er beim jeweiligen Unternehmen oder Staat investieren will. Er bekommt also durch das Rating wichtige Informationen über der Bonität des Landes – das sollte er doch bei der Anlage berücksichtigen?
Doch in den vergangenen Monaten haben Ratingagenturen sichtbar an Bedeutung verloren. Das hat mehrere Gründe: Erstens wissen Ratingagenturen über die Kreditwürdigkeit von Staaten auch nicht mehr als viele Ökonomen und Investoren. Zweitens haben sich die Ratingagenturen nach der Finanzkrise enorm an Ansehen verloren, weil sie beispielsweise die toxischen amerikanischen Hypothekenpapiere mit der Höchstnote AAA bewertet hatten. Sie haben bewiesen: Auch in Ratingagenturen arbeiten Menschen, die sich irren können – zumal die Schuldenkrise besonders unübersichtliches Terrain ist.
Und drittens haben die Agenturen mit vielfältigen Einschätzungen in den vergangenen Monaten häufig bewiesen, dass sie mit ihrer Markteinschätzung eher spät dran sind. Egal, ob Amerika oder Frankreich: Nach Herabstufungen in den vergangenen Monaten haben sich die Kreditzinsen der Staaten häufig nicht mehr verteuert – das war eher vorher der Fall.

Herabstufung kostet Geld

Eine Herabstufung kann Deutschland trotzdem Geld kosten. Wenn Moody’s seine Drohung wahr macht und das Rating senkt, wenn dann noch eine zweite Ratingagentur hinterherkommt, wird mancher Fondsmanager keine Deutschland-Anleihen mehr kaufen dürfen. Richtlinien schreiben ihnen häufig vor, dass sie nur Anleihen mit bestnoten kaufen dürfen – solche mit der höchsten Wahrscheinlichkeit, dass das Geld zurückkommt.
Doch wenn Moody’s vor zehn Jahren die gleiche Einschätzung für Deutschland veröffentlicht hätte, wären die Folgen wohl drastischer gewesen.
Schließlich bleibt Investoren kaum eine andere Wahl: Schon nach der Herabstufung Amerikas dachten viele: Wem soll ich denn mein Geld geben, wenn nicht dem großen, stabilen Amerika? Nach der Herabstufung Deutschlands könnte es ähnlich sein. Wer in Europa viel Geld anzulegen hat, wird an Deutschland auch mit schlechterem Rating kaum vorbeikommen.
 


Text: faz.net, Reuters, dpa
Bildmaterial: Röth, Frank

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