19. Mai 2013

40 Jahre SAP

Die Matrix

Von Stephan Finsterbusch, Bernd Freytag
31. März 2012 Hermann Maler war völlig aus dem Häuschen. Da hatte der Manager des Rechenzentrums der ICI-Nylonfaserfabrik in Östringen bei Heidelberg stapelweise Daten in Bits und Bytes umwandeln, sie in schrankwandhohe Großrechner eingeben, durch das Programm der kleinen Softwareschmiede Systemanalyse und Programmentwicklung laufen lassen, und dann das: Mit einem Knopfdruck bekam er binnen eines Wimpernschlags alles, was er wollte. Über den Monitor flimmerten die Ergebnisse der Auftragsabwicklung, der Finanzbuchhaltung, der Materialwirtschaft. SAP machte es möglich.
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Vierzig Jahre später wird Dietmar Hopp nur einen Fußmarsch von der alten Faserfabrik entfernt in seinem Golfclub in St. Leon-Rot sagen: „Wir hatten ICI den Vorschlag gemacht, alle Daten und Ergebnisse sofort auf den Bildschirm zu bringen.“ Bilanzierung per Tastatur, Datenverarbeitung in Echtzeit, die Digitalisierung der doppelten Buchführung. Keine Lochstreifen, keine Stapelarbeit, keine Endlosschleifen bedruckten Papiers, oder wie Hermann Maler es damals formuliert hatte: „keine Erdnüsse mehr mit dem Dampfhammer knacken“.

Eine kleine Schar mit großen Plänen

Das sollte der Fabrik im Monat 60.000 DM sparen. Maler war begeistert, Hopp war im Geschäft. Er hatte seinen alten Arbeitgeber IBM schon verlassen, hatte vier Kollegen für sich gewonnen und mitgenommen, einen Physiker, einen Mathematiker, einen Nachrichtentechniker und einen Kaufmann, eine kleine Schar mit großen Plänen. Hopp hatte den Sprung in die Selbständigkeit mit der Gründlichkeit eines deutschen Ingenieurs vorbereitet und durchgezogen. Er machte sich an die Neuvermessung der Welt und hob im April 1972 SAP aus der Taufe. Eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die heute eine der größten Aktiengesellschaften Deutschlands wurde. Die Wiege stand in einem Nylonfaserwerk, die Zentrale steht in Walldorf.
„Wir haben den Markt für Firmensoftware vor 40 Jahren mit geschaffen, sind mit ihm gewachsen und haben unsere führende Rolle bis heute verteidigt“, sagt der einstige SAP-Vorstandschef und heutige Aufsichtsratsvorsitzende Hasso Plattner. Mitgründer Klaus Tschira sagte in einem Interview im vergangenen Jahr: „Wir haben damals eine rasante Entwicklung hinreichend weitsichtig geahnt, aber wir hatten auch Glück.“ Das Glück der Tüchtigen - es machte sie zu Milliardären und Mäzenen. SAP wurde mit Firmensoftware das, was Microsoft mit seinen PC-Programmen werden sollte. Software in Modulbauweise, normiert und standardisiert.

Revolution der Verwaltung

„Es ist unglaublich“, sagt Hopp leise und wischt mit der flachen Hand über den Tisch. Er machte das Unglaubliche möglich, galt als Kopf der Gründer, als Macher, durch den SAP virtuelle Kontenkladden und computerbasierte Systeme für die Buchführung baute, damit Kosten-Nutzen-Rechnungen und die Verwaltung der Industrie revolutionierte - erst in Deutschland, dann in Amerika, dann im Rest der Welt. Die Nestoren der Betriebswirtschaft wie Hans-Georg Plaut hielten Echtzeitanalysen in Unternehmen für übertrieben; junge Akademiker wie August-Wilhelm Scheer waren begeistert. Und nicht nur sie: Kunden standen Schlange; Freudenberg und Burda, Boehringer und John Deere. Ende der siebziger Jahre belieferte SAP knapp die Hälfte der hundert größten Konzerne in Deutschland. Dann kamen die Franzosen, Engländer und schließlich die Amerikaner. „Es war die Zeit, wo ich wusste, dass wir es packen“, sagt Hopp.
Heute arbeitet faktisch jeder Konzern auf der Welt mit SAP. Aus dem Fünf-Mann-Betrieb wurde eine Marktmacht mit 55.000 Mitarbeitern, einer viertel Million Kunden und einem Börsenwert von 65 Milliarden Euro - mehr als Bayer oder VW, mehr als die Commerz- und die Deutsche Bank zusammen. Und auch der Zauber der Gründertage sei wieder da, sagt Plattner. Er war einst Hopps Assistent bei IBM, ging mit ihm ins Ungewisse, unterschrieb die Gründungsurkunde und sollte 25 Jahre später das Unternehmen durch die tumultreichen Jahre der Internetblase steuern. Er leitete den Wechsel von der Gründer- in die erste und zweite Managergeneration ein, lag mit einigen Entscheidungen voll daneben und mit anderen goldrichtig. Plattner ließ aus der Softwareschmiede eine Programmierfabrik machen und eröffnete dem Haus so neue Horizonte. Der Geist der Gründer war gegangen, die Rationalität der Manager hielt Einzug, der Preis des Wachstums.

Softeware-Pioniere auf freiem Feld

SAP sei Ende der neunziger Jahre das deutsche Vorzeigeunternehmen in der Welt geworden, schreibt Timo Leimbach in seiner Studie „Die Geschichte der Softwarebranche in Deutschland“. Heute geht der Konzern daran, mit seinem Datenbanksystem Hana die Karten in der Branche noch einmal neu zu mischen, Betriebswirtschaft noch einmal neu zu deklinieren, Wettbewerber noch einmal aufhorchen zu lassen. Online und Realtime, wie der amtierende Co-Vorstandschef Jim Hagemann Snabe sagt. „Der Kreis zu den Anfangsjahren schließt sich“, sagt Plattner.
Hopp spricht von einem zweiten Frühling und lacht; Plattner von neuen Chancen und lächelt. Er sitzt in seinem Büro in der SAP-Zentrale. Ein Glas-Stahl-und-Beton-Komplex im architektonischen Charme der siebziger Jahre. Errichtet auf den Spargelfeldern Walldorfs gleich an der Autobahn von Frankfurt nach Stuttgart. Die Städte im Umkreis hatten einst kein Interesse, der damals noch kleinen SAP ein Grundstück für ihre Ansiedlung zu verkaufen. So waren die Software-Pioniere aufs Feld gezogen. Dort hat Plattner heute freien Blick und eine Agenda.
Nach einigen holprigen Jahren, nach Streit im Vorstand, Stress mit Kunden und Problemen mit Produkten, ist SAP nun wieder in der Spur. „Besser denn je“, sagt Rüdiger Spieß von IDC. Larry Ellison, Chef der amerikanischen Oracle-Gruppe, nennt es einen „Laden voller Spinner“. Plattner kennt die Sprüche seines Konkurrenten, er verdreht nur die Augen und sagt kein Wort. Er schüttet sich ein paar Gummitierchen auf die Tischplatte, ordnet sie nach Farben, die gelben, die roten und die grünen. Wenn er in der nächsten Stunde keinen Spruch mehr auf den Lippen haben wird, nimmt er einen. Bärenhunger.
Auf dem Schreibtisch steht ein Computer und das Modell seiner Hochseeyacht, an der Wand zwei Bretter mit Büchern; ein gerahmtes Poster im Andy-Warhol-Stil, der Titel: Super Vision. Das Motiv ist: Hasso Plattner. Er ist Ehrendoktor und Professor, hat zwei große Forschungsinstitute und eine Stiftung, einen florierenden Investmentfonds und ist Großsponsor des Wiederaufbaus des Potsdamer Stadtschlosses. Was er anfasst, trägt seinen Namen, seine Handschrift oder beides. Er ist der Letzte der Gründer, der bei SAP heute noch tätig ist. Im Aufsichtsrat hält er die Fäden fest in Händen. Vor zehn Jahren hatte er kräftig an ihnen gezogen. Plattner lotete eine Fusion mit Microsoft aus. SAP war gerade durch die Wirrungen des ersten großen Börsenkrachs gegangen. Microsoft-Chef Bill Gates schrieb an seine Vorstände: „Es ist Zeit, SAP zu kaufen.“ Die Amerikaner gingen an die Arbeit. SAP stand zum Verkauf. Es hätte viele gute Gründe gegeben, sagte Plattner. Doch die Kartellämter signalisierten ein Nein. Plattner plante um.
Er trieb die Expansion des Konzerns voran, kaufte in fünf Jahren drei Firmen und zahlte 10 Milliarden Euro; er übte sich von Bangalore bis Palo Alto und Walldorf im Spagat zwischen den Kulturen; er ließ den Konzern auf Effizienz und Innovation trimmen. Heute ist SAP auf allen Kontinenten und allen Wachstumsmärkten ganz vorn mit dabei. Mobil- und Cloudcomputing, Datenbanken und Datenanalyse. „Was Hasso noch leistet“, sagt Hopp und lässt das Ende des Satzes unausgesprochen im Raum stehen.

Nur reich werden

Der starke Mann der ersten Stunden war er. „Hopp war die treibende Kraft“, schreiben Ludwig Siegele und Joachim Zepelin in ihrem Buch „Matrix der Welt“. SAP-Software habe Geschäftsprozesse so transparent wie noch nie gemacht, habe die Effizienz in den Unternehmen gesteigert und die Globalisierung vorangetrieben. Siegel und Zepelin stellen Hopp und seine Mitstreiter auf eine Stufe mit Luca Pacioli, dem italienischen Universalgelehrten, der vor 500 Jahren die doppelte Buchführung hoffähig gemacht und nach Ansicht des Volkswirts Werner Sombart die Basis des Kapitalismus legte. Plattner mag den Ruhm, Hopp sagt nur: „Ich wollte eigentlich einfach immer nur reich werden.“
Als Student der Universität Karlsruhe hatte Hopp in den sechziger Jahren an einem Z-22-Großrechner aus der nordhessischen Computermanufaktur von Konrad Zuse Lochkarten gestanzt. Es machte ihm Spaß, er blieb dabei. Draußen auf dem Golfplatz versinkt gerade die Abendsonne im Sandbunker. Drinnen nippt Hopp an einem Glas Wasser. Er wurde nach seinem Ausscheiden aus allen SAP-Ämtern vor zehn Jahren einer der größten Privatinvestoren des Landes. Es war keine Absicht, es sei einfach so gekommen, und er konnte es sich leisten.
Hatte doch der erste Börsengang der SAP Ende der achtziger Jahre die Gründer reich, der zweite zehn Jahre später steinreich gemacht. Da war das Gründerteam schon halb zerbrochen. Anfang der achtziger Jahre hatte sich der Betriebswirt Claus Wellenreuther wegen einer Krankheit aus der Firma verabschiedet; der Mathematiker Hans-Werner Hector folgte Mitte der Neunziger. Er hatte Streit mit Hopp. Hector will heute nicht mehr darüber reden. Hopp bedauert es. Hector schlug das Kapitel SAP vor anderthalb Jahrzehnten zu.
Zur gleichen Zeit stellte Klaus Tschira die Weichen für den Ausstieg. Er wollte kein Manager mehr sein; er wollte programmieren und studieren, gründete eine Stiftung zur Förderung der Naturwissenschaften und Informatik, führt sie heute von der alten Villa Bosch in Heidelberg aus, verließ erst den SAP-Vorstand und dann auch den Aufsichtsrat. Hopp hängt wie Plattner noch ganz an seinem Lebenswerk. „Ich wollte eigentlich ein richtiger Rentner werden“, sagt Hopp. Plattner hatte das auch nie auf seiner Agenda. Hopp ist der Ruhestand im heimischen Nordbaden nicht gelungen. Plattner ist in aller Welt zu Hause.

Computeranalysen auf dem Fußballfeld

Hopp gründete eine Investmentfirma, legte ein paar Fonds auf, steckte eine halbe Milliarde Euro in die Biotechnologie und Millionen in seinen Hoffenheimer Fußballclub. Der ist erste Klasse, ein Kleinstadtverein stieg in die Bundesliga auf. Hopp spricht über Fußball wie von einem Zahlenspiel, Sudoku auf dem Sportplatz. Pässe, Tore, Spieler. Computeranalysen sind hier heute gang und gäbe. Manchester hat sie, Barcelona, Bayern München und auch das kleine Hoffenheim. SAP macht es möglich.
Drüben auf der anderen Seite der Autobahn A 6 hatte es Hermann Maler vor vier Jahrzehnten nicht fassen können. Dem Manager des Rechenzentrums der ICI-Nylonfaserfabrik hatte damals einfach niemand glauben wollen, dass ihm das erste Programm der kleinen Softwareschmiede in einer dreiviertel Sekunde alles auf den Bildschirm zauberte, was er wollte. Der Unglaube hielt nicht lange an. Die Matrix der Wirtschaft war neu justiert.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., SAP, Wolfram Scheible

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