24. Mai 2013

Unruhige Wechselkurse

Das Gespenst von Währungskriegen sorgt für Schrecken

Von Hanno Mußler und Maximilian Weingartner
29. Januar 2013 Die Furcht vor Abwertungswettläufen an den Devisenmärkten ist zu einem wichtigen Thema in der Politik und an den Finanzmärkten geworden. Dramatisch veranlagte Seelen sprechen auch von „Währungskriegen“.
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Eine Ursache ist in der Geldpolitik zu suchen: Notenbanken der Industrieländer stecken in einem ähnlichen Dilemma. Um die Kreditvergabe der Banken anzuregen, haben sie die kurzfristigen Leitzinsen auf rekordniedrige Sätze gesenkt. Als in der Banken- und Staatsschuldenkrise dennoch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen und damit die Kreditnachfrage gering blieb, haben sich viele Notenbanken von der Politik einspannen lassen und auch auf Kosten ihrer Unabhängigkeit begonnen „frisches Geld zu drucken“.
Eines dieser Ziele ist es, die eigene Währung abzuwerten, um der Exportindustrie Vorteile auf den Weltmärkten zu verschaffen. Die Leidtragenden sind in der Regel die rohstoffreichen Schwellenländer, deren Währungen besonders unter Aufwertungsdruck geraten.

Brasilien wehrt sich und leugnet

Brasilien war eines der ersten Länder, das sich wehrte. Am 12. April 2008 notierte der Dollar bei 2,51 Real. Ein Wechselkurs, von dem die brasilianische Wirtschaft Jahre später nur träumen konnte: Am 26. Juli 2011 bekam man an den Devisenmärkten für einen Dollar lediglich 1,53 Real. Am diesem Montag lag der Wert wieder bei 2,03 Real.
An den Finanzmärkten herrscht kein Zweifel daran, dass diese Volten nicht allein freien Marktkräften geschuldet sind. Vielmehr sind Analysten der Meinung, dass die brasilianische Zentralbank systematisch am Devisenmarkt intervenierte, um den Real durch Dollarkäufe zu schwächen.
Bis vor kurzem hatte die Regierung dies jedoch noch geleugnet, auch wenn Finanzminister Guido Mantega 2010 als erster Politiker von einem weltweiten „Währungskrieg“ sprach, gegen den sich Brasilien wehren müsse. Industrieländer und China schwächten seiner Ansicht nach ihre Währungen künstlich, um Handelsvorteile zu erlangen. Ende vergangenen Jahres gab er dann erstmals offiziell zu, den Wechselkurs steuern zu wollen.

Kapitalflussbremse

In der Tat: Zuerst erhöhte Brasilien 2010 seine Steuer auf ausländische Kapitalerträge von 2 auf 4 Prozent und senkte sodann nach und nach die Leitzinsen. Im August 2011 reduzierte die Banco Central do Brasil den Leitzins, obwohl damals große Inflationssorgen herrschten. Nach insgesamt zehn weiteren Herabstufungen ist der Leitzins seither von 12,5 Prozent auf 7,25 Prozent gesunken.
Mit den Zinsreduktionen und kurzfristig wirkenden Kapitalkontrollen verringerte sich der spekulative Zufluss ausländischen Kapitals auf der Suche nach hochverzinslichen Anleihen in Real. Im vergangenen Jahr lockerte Brasilien daher etwas die Interventionen. Der Zentralbank kam auch die geringeren Exporterlöse zu Hilfe, weil der weltweite Hunger nach brasilianischen Rohstoffen nachließ.
Weil dadurch weniger Devisen nach Brasilien flossen als in den Jahren davor, ließ der Aufwertungsdruck auf den Real nach. Zuletzt jedoch floss wieder mehr Geld in das Land, weil eine Reihe brasilianischer Unternehmen Anleihen ausgab. Darunter war auch ein Bond über 7 Milliarden Dollar des staatlichen Ölkonzern Petrobras. Aufgrund der höheren Renditen in den Schwellenländern nahm hier auch und die Nachfrage wieder zu.

Preisblasen durch Kapitalzufluss

Auch andere Länder, die reich an Rohstoffen sind, erlebten in den vergangenen Jahren Aufwertungen ihrer Währung, darunter Australien und Norwegen. Das von den Notenbanken der Industrieländer frisch geschaffene Geld fließt eben auch in Rohstoffe und schiebt die Konjunktur dieser Länder an - manchmal bis zur Überhitzung.
In Norwegen sehen Experten wegen der hohen Auslandsnachfrage  eine Preisblase am Immobilienmarkt. Zumindest wird Währungen wie der norwegischen Krone und vor allem dem australischen Dollar Aufwertungspotential zugesprochen, ebenso dem Schweizer Franken.

Schweizer Erfolge

Die Notenbank der Schweiz, bis dahin eine der konservativsten Zentralbanken überhaupt, hat in den vergangenen fünf Jahren ihre Bilanz verfünffacht. Das zusätzliche Geld hat sie überwiegend dazu verwendet, die Aufwertung der Schweizer Währung zum Euro zu stoppen. Schon im Juni 2009 intervenierte die SNB bei Kursen von 1,50 Franken je Euro, weil sie die Gefahr einer Deflation witterte. Als der Franken im September 2011 fast einen Euro wert war und Export- und Tourismusindustrie über den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit klagten, verlor die Schweizer Notenbank alle Zurückhaltung. Sie teilte mit, sie werden jeden Euroverkäufer zu Kursen von 1,20 Franken je Euro bedienen.
Das Kalkül ging auf: Der Kurs hielt, und seitdem die Anleger weniger auf den Zerfall des Euroraumes setzen, wertet der Euro zum Franken sogar auf. Derzeit müssen für einen Euro wieder 1,25 Franken bezahlt werden. Die Unternehmen atmen auf, das Wirtschaftswachstum legte leicht zu.
Die Schweiz hat also, so wie es derzeit aussieht, den „Währungskrieg“ gewonnen. Doch der Preis war hoch: Die Bilanzsumme der SNB ist auf 75 Prozent einer Jahreswirtschaftsleistung der Schweiz (BIP) angeschwollen. Die Vermögen in der Bilanz der Notenbank sind selten in Franken bewertet; nach Daten vom September hält die SNB vielmehr zu 48 Prozent in Euro und zu 28 Prozent in Dollar denominierte Wertpapiere. Damit ist die SNB sehr abhängig von Wechselkursschwankungen.

EZB zurückhaltender

Am längsten versucht die Bank von Japan mit immer neuen Anleihekaufprogrammen der Deflation zu entkommen. Kaum eine Währung wertet derzeit so stark ab wie der Yen, der allerdings in den Jahren zuvor zu den stärksten Währungen der Welt gezählt hatte. Seit elf Wochen wertet die japanische Währung nun zum Dollar ab, nachdem die Regierung in Tokio die Notenbank erfolgreich verpflichten konnte, so lange Staatsanleihen zu kaufen, bis die Inflationsrate auf 2 Prozent gestiegen ist.
Dagegen musste die Europäische Zentralbank den Worten ihres Präsidenten Mario Draghi aus dem Sommer 2012, unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen, falls dies zum Erhalt des Euroraums erforderlich sein sollte, noch keine Taten folgen lassen. Auch deshalb hat sich die Bilanzsumme der EZB in den vergangenen fünf Jahren „nur“ verdoppelt und beträgt nun rund 30 Prozent der Wirtschaftsleistung des Euroraums.

England weitet Geldmenge am stärksten aus

Am stärksten unter allen Zentralbanken der Industrieländer hat die Bank von England die Geldmenge ausgeweitet. Ihre Bilanzsumme hat sich vor allem durch Käufe von Staats- und Hypothekenanleihen, mit denen sie auch die langfristigen Zinsen niedrig halten will, in den vergangenen fünf Jahren versechsfacht.
Die Bilanzsumme der Bank von England ist nun so groß wie rund 25 Prozent einer jährlichen Wirtschaftsleistung Großbritanniens. Zuletzt aber wurden die Kaufprogramme in London nicht weiter ausgeweitet. Anders in Amerika: Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve (Fed), die im vergangenen Jahr vor allem kurz laufende gegen lang laufende Wertpapiere getauscht hat, ohne die Bilanzsumme nennenswert auszuweiten, kauft im Jahr 2013 nun wieder unbegrenzt Staats- und Hypothekenanleihen. Dabei hat sich die Bilanzsumme der Fed zwischen 2007 und 2011 schon in etwa vervierfacht und ist von 7 auf rund 20 Prozent der Größenordnung des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts gestiegen.

Ausgerechnet Südafrika profitiert nicht

Zwar war der Dollar gerade in der Euro-Staatsschuldenkrise zwischen Mitte 2010 und Mitte 2012 als sicherer Hafen gefragt. Aber zu einem Korb aus sechs Währungen, in dem der Euro mit 58 Prozent am höchsten gewichtet ist, hat der Dollar gerade seit Mitte 2012 deutlich abgewertet.
Dieser in Washington durchaus erwünschte Trend könnte sich im Jahr 2013 fortsetzen, vor allem eben zu Währungen von Rohstoffländern wie dem australischen Dollar. Gerade dieses Währungspaar - amerikanischer zu australischem Dollar - gilt für manche Kapitalmarktstragen als wichtigstes Maß für die Risikofreude der Anleger. Denn dieser Kurs zeigt, ob Rohstoffpreise und damit auch die Weltkonjunktur zulegen. Auch daran lässt sich der Erfolg von „Währungskriegen“ ablesen.
Ein Land, das vom „Währungskrieg“ nicht profitiert, ist ausgerechnet Südafrika. Von Anfang 2008 bis Mitte 2011 wertete der südafrikanische Rand zwar von 11,37 je Dollar um knapp 42 Prozent auf 6,57 Dollar auf. Sodann verlor er jedoch wieder 25 Prozent an Wert und notierte am Montag bei 8,98 Rand je Dollar. Vor kurzem fiel der Kurs sogar auf den niedrigsten Stand seit dreieinhalb Jahren.
Schuld war jedoch nicht die südafrikanische Notenbank: Analysten machen für diese Entwicklung die labile politische Lage im Land verantwortlich sowie Unruhen und Streiks in der Bergwerkindustrie. Im Gegensatz zu Ländern wie Brasilien, die sich vor zu hohen Kapitalzuflüssen schützen möchten, ist Südafrika wegen einer niedrigen Sparquote und zur Finanzierung des Defizits auf den Kapitalzustrom aus dem Ausland angewiesen und versucht das Vertrauen von Investoren in ihr Land zu stärken.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS

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