23. Mai 2013

Der Pflege-Bahr

Damit die Pflege nicht arm macht

Von Dyrk Scherff
19. Januar 2013 Und wieder könnte ein Bundesminister dauerhaft in die Geschichte eingehen: Seit Anfang 2013 gibt es den sogenannten Pflege-Bahr, eine staatlich geförderte private Pflegeversicherung - benannt nach Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Er hofft auf ein besseres Image für die neue Versicherung als der ehemalige Arbeits- und Sozialminister Walter Riester, der mit seiner vom Staat subventionierten Altersvorsorge heftig in die Kritik geriet.
Viele wichtige Versicherungsgesellschaften wie Barmenia, Debeka und Signal Iduna bieten den Pflege-Bahr schon an - und etliche weitere wollen nachziehen.
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Sein Ziel ist es, die Absicherung der Menschen im Pflegefall zu verbessern. Denn anders als die meisten denken, trägt die gesetzliche Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten. Für schwere Fälle, die in der Pflegestufe 3 eingeordnet werden, sind es zum Beispiel maximal 1550 Euro im Monat. Selbst ein durchschnittlicher Heimplatz kostet aber mindestens 3000 Euro, in Ballungsgebieten und mit etwas besserer Betreuung bis zu 5000 Euro.

Eigenbeitrag wird um bis zu 50 Prozent aufgestockt

Da tun sich im Ernstfall schnell gewaltige Lücken auf. Und das über viele Jahre, denn Pflegebedürftige liegen gewöhnlich sehr lange im Heim. Selbst bei weniger schlimmen Fällen zahlt die gesetzliche Versicherung zu wenig. Private Vorsorge für den Pflegefall ist daher notwendig, wenn man später nicht die Angehörigen zur Finanzierung heranziehen will. Das Problem dürfte sich zudem immer mehr verschärfen. Denn mit der verstärkten Alterung Deutschlands wird es auch mehr Pflegefälle geben. Steigen die Beiträge dann nicht entsprechend, werden die Leistungen der gesetzlichen Versicherung eingeschränkt werden müssen. Oder sie werden zumindest nicht an die steigenden Pflegekosten angepasst.
Dieses Risiko ignorieren die meisten Deutschen jedoch. Nur 1,8 Millionen gesetzlich Versicherte haben eine private Pflegezusatzversicherung abgeschlossen. Nun soll der Pflege-Bahr nachhelfen. Jede private Pflegeversicherung, die bestimmte Kriterien erfüllt, wird vom Staat mit einem Zuschuss gefördert. Und wo es was umsonst dazu gibt, greifen die Menschen bekanntlich gerne zu, ist die Hoffnung.
Auf den ersten Blick fällt die Förderung wie ein Almosen aus. Gerade einmal 60 Euro im Jahr gibt es vom Staat. Allerdings kosten die Versicherungen im günstigsten Fall auch nur 180 Euro im Jahr inklusive Zuschuss. Das heißt, der Eigenbeitrag wird um bis zu 50 Prozent aufgestockt. Das gilt allerdings nur für junge Leute. Ältere zahlen mehr Beitrag, weil die Versicherung weniger Zeit hat, mit den Beiträgen am Kapitalmarkt Geld zu verdienen, um daraus später das Pflegegeld zu bezahlen. Einen höheren staatlichen Zuschuss gibt es trotzdem nicht.

Anbieter hoffen auf mehr Schwung für Pflegeversicherungen

Vom Alter zu Beginn des Vertrages hängen auch die Leistungen ab. Wer jung ist, kann mit dem Minimumbeitrag von 180 Euro im Jahr fast 1500 Euro Pflegegeld im Monat für Pflegestufe 3 bekommen und damit die Kostenlücke zu einem durchschnittlichen Heim fast schon schließen. Ältere bekommen für einen höheren Beitrag hingegen oft nur 600 Euro im Monat. Das ist die gesetzlich vorgeschriebene Mindestabsicherung, die ein Pflege-Bahr in Pflegestufe 3 leisten muss, um gefördert zu werden. Auch 15 Euro Monatsbeitrag werden als Minimum verlangt. Zudem muss es möglich sein, dass der Versicherte den Vertrag bis zu drei Jahre ruhen lassen kann, wenn er hilfebedürftig wird und Sozialhilfe oder die Grundsicherung im Alter erhält. Als Folge der Kritik an den hohen Kosten der Riester-Rente werden auch die Provisionen für den Pflege-Bahr begrenzt. Erlaubt sind nur zwei Monatsbeiträge. Sonst üblich sind für private Pflegeversicherungen sechs bis acht. Auch die laufenden Kosten für die Verwaltung der Verträge wurden gedeckelt.
Das ist gut für die Kunden, aber es wird die Policen nicht gerade zum liebsten Produkt der Versicherer machen. Dass sie die Verträge dennoch anbieten, liegt daran, dass sie auf mehr Schwung für die ungeförderten Pflegeversicherungen hoffen. Denn außer den jungen Kunden werden sich viele über den Pflege-Bahr hinaus absichern müssen, um später gut gepflegt werden zu können. Alte Kunden und Menschen mit Vorerkrankungen haben mit dem Pflege-Bahr zudem den Vorteil, dass sie eine Pflegeversicherung zu niedrigen Preisen abschließen können. Bei den bisherigen ungeförderten Versicherungen mussten sie hohe Risikozuschläge zahlen oder wurden ganz abgelehnt. Das ist bei der staatlich geförderten Variante nicht gestattet, alle Kunden müssen gleich behandelt werden. Auf die sonst übliche Prüfung des Gesundheitszustandes wird daher verzichtet.

Der große Haken

Was zunächst einmal gut klingt, hat aber einen großen Haken. Wenn tatsächlich viele Menschen mit Vorerkrankungen, die den Versicherungen bisher zu teuer waren, den neuen Pflege-Bahr abschließen, werden die Aufwendungen für die Pflege schnell steigen. Dann müssen die Beiträge steigen, und der Pflege-Bahr könnte für die Jungen und Gesunden schnell unattraktiv werden.
Der Gesetzgeber versucht dies zu verhindern, indem er eine Wartezeit von fünf Jahren nach Vertragsabschluss eingebaut hat, bevor die Versicherung zahlen darf. Damit wird zumindest verhindert, dass absehbare Pflegefälle sich noch schnell vorher versichern. Für Unfälle gilt die Wartezeit nicht.
Fachleute sind aber der Meinung, dass die Wartezeit das Problem zwar mildert, aber noch nicht löst. Die Versicherungen reagieren, indem sie wie etwa die Debeka den Pflege-Bahr für alle vorschreibt, die eine zusätzliche ungeförderte Pflegeversicherung haben wollen. So zwingt sie die Gesunden in den Pflege-Bahr, was die Kostensituation verbessert. Andere Gesellschaften werden die Beiträge so niedrig ansetzen, dass Gesunde wegen des Preisvorteils die geförderte Versicherung abschließen.
Wem die staatlich geförderte Pflegeversicherung nicht reicht, der muss aufstocken und hat dafür vor allem die Wahl zwischen der Pflegetagegeld- und der Pflegerentenversicherung. Beide zahlen im Monat einen vereinbarten Betrag. Die Pflegerenten werben mit weltweiter Deckung im Gegensatz zur nur europäischen Deckung des Pflegetagesgeldes und mit mehr Leistung etwa bei Demenz. Dafür ist der Beitrag aber auch um das bis zu Vierfache höher.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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