25. Mai 2013

Schanghai Composite

Chinas Aktien laufen schlechter als die Griechenlands

Von Christian Geinitz, Peking
07. Dezember 2012 Chinesische Anleger sehen die Lage in ihrem Land deutlich pessimistischer als die Ausländer. Das zeigt sich daran, dass die auf dem Festland gehandelten Aktien - die fremden Investoren weitgehend verschlossen sind - viel schlechter dastehen als die Papiere chinesischer Unternehmen in Hongkong. Dort handeln Anleger aus aller Welt: In der Sonderverwaltungszone gelten nicht dieselben Kapitalverkehrskontrollen wie in Rotchina, anders als der Renminbi (Yuan) ist der Hongkong-Dollar frei konvertibel. Der Hang-Seng-Index und der HSCEI, der in Hongkong die Festlandunternehmen abbildet, schlagen sich zwar im internationalen Vergleich nicht besonders gut, aber immer noch viel besser als die Börsenbarometer in Schanghai und Shenzhen.
So hat der HSCEI seit Anfang September 17 Prozent gewonnen, weil die Anleger Vertrauen gefasst haben, dass Chinas Konjunktur nach einer Schwächephase wieder anzieht. Dafür gibt es tatsächlich einige Anhaltspunkte. Im dritten Quartal betrug die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwar nur 7,4 Prozent. Das bedeutete den schwächsten Anstieg seit dem Jahr 2009 in der Finanzkrise und den siebten Rückgang im Quartalswachstum hintereinander. Doch im laufenden letzten Quartal sieht die Lage besser aus, es werden 7,7 Prozent erwartet. Etwa diesen Wert sehen Bankfachleute auch für das Gesamtjahr voraus, nach 9,3 Prozent Im Jahr 2011 und 10,4 Prozent im Jahr zuvor. Handelsminister Chen Deming versicherte kürzlich, man werde das Regierungsziel von 7,5 Prozent sicher erreichen.
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Den Anlegern ist die Lust am Wertpapierhandel vergangen

Das wäre zwar immer noch das magerste Wachstum seit dem Jahr 1999; im Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre hat das BIP jedes Jahr real um fast 10 Prozent zugenommen. Aber Regierung und Statistikamt senden zunehmend positive Signale aus und untermauern sie mit günstigen Zahlen. Das ist genau das, worauf internationale Großanleger warten, und deshalb kehren sie nach Hongkong zurück. In einer Umfrage der Finanzagentur Bloomberg wählten die Geldgeber, Handelshäuser und Analysten Hongkong zum aussichtsreichsten Finanzplatz für das kommende Jahr hinter Amerika.
Viel schwarzseherischer und daher zurückhaltender sind die Aktienkäufer auf dem Festland. Die meisten von ihnen sind Kleinanleger. Sie schicken die Kurse an den Börsen von Schanghai und Shenzhen - das direkt nördlich an Hongkong grenzt - von einem Tief zum nächsten. Am Donnerstag zeigte sich der Schanghai-Composite-Index mit rund 2030 Punkten. In den vergangenen Tagen waren es zeitweise weniger als 2000 Punkte - erstmals seit Anfang 2009. Im Tief fiel der Index am vergangenen Dienstag auf 1950 Punkte, dann erholten sich die Kurse wieder etwas.
Den Anlegern ist die Lust am Wertpapierhandel offenbar vergangen. Zwischenzeitlich ist der Aktienumsatz in Schanghai auf 33,1 Milliarden Yuan am Tag (4 Milliarden Euro) gefallen. Das ist der niedrigste Wert seit vier Jahren und beträgt nur ein Drittel des Durchschnitts der vergangenen fünf Jahre. Die Kurse im Schanghai Composite sind nicht einmal 11 Mal so hoch wie die Gewinne je Anteilsschein. Das war zuletzt im Jahr 1997 so. Angesichts dieser niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnisse raten Analysten seit langem zum Kauf, um günstig in den Markt zu kommen. Doch die Kurse sind gefallen, so dass fast jeder Einstieg bisher verfrüht gewesen wäre. Der Schanghai Composite ist der schwächste unter den großen Indizes in Asien. Er hat seit Jahresbeginn rund 8 Prozent verloren und könnte das dritte Jahr hintereinander mit einem Minus abschließen. Seit August 2009 beträgt der Rückgang rund 45 Prozent. In diesem Jahr hat er sich sogar schlechter entwickelt als der griechische Aktienindex. Das will schon etwas heißen.

Hausgemachte Schwierigkeiten

So richtig weiß niemand, warum der Markt nicht läuft. Erst hieß es, Anleger warteten bessere Konjunkturdaten ab. Dann vermieste angeblich der Parteitag die Laune. Doch all das ist recht gut über die Bühne gegangen, ohne dass sich die Kurse erholt hätten. Auch die letzten Zahlen stimmen zuversichtlich: Der Gewinn der Industrieunternehmen ist im Oktober um ein Fünftel gestiegen, Ausstoß und Export legten so stark zu wie seit Mai nicht.
Eine neue Erklärung für die Kursschwäche ist jetzt, dass Anleger erst die jährliche Wirtschaftskonferenz der Partei im Dezember vorbeiziehen ließen. Vermutlich aber geht die Erklärung tiefer. Das Auf und Ab der Konjunktur, der Zinsen, der Inflation, der Antikrisenprogramme, des Häusermarkts und auch der politischen Stabilität hat viele Menschen in China verunsichert. Sie halten ihr Geld in solchen turbulenten Zeiten lieber zusammen oder investieren es anderswo als im hochvolatilen Aktienmarkt. Es gibt zunehmend Alternativen dazu, weil China einerseits seine Kapitalkontrollen für Auslandstransfers gelockert und anderseits begonnen hat, das Finanzsystem im Inland zu reformieren. So sind die Einlagenzinsen auf Bankkonten leicht gestiegen, auch werden immer mehr Unternehmensanleihen begeben. Der lange gedeckelte Häusermarkt fasst wieder Fuß, und schließlich werden immer mehr bisher illegale oder halblegale Anlageformen aus den Schattenbanken heraus ans Tageslicht gebracht und legalisiert.
Einzelne Branchen leiden unter hausgemachten Schwierigkeiten. Die Aktienpreise von Bedarfsgütern einschließlich Nahrungsmitteln sind im November zweistellig zurückgegangen, weil es einen Pansch-Skandal beim Getränkehersteller Jiu Gui Jiu gegeben hat. Andere Marken wie die Brennereien Luzhou Laojiao oder Jiangsu Yanghe Brewery, die mit abgestraft worden waren, haben sich seitdem wieder erholt. Am besten stehen noch Gesundheitsartikel da. Immerhin stagnieren deren Werte seit Jahresbeginn lediglich. Als Tipp gilt hier das Unternehmen Beijing Tongrentang, das Heilmittel der traditionellen chinesischen Medizin herstellt. Dessen Produkte würden immer gebraucht, heißt es, in guten wie in schlechten Zeiten.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS

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