18. Mai 2013

Datenklau bei DHL

Betrug an der Packstation

Von Hendrik Ankenbrand
10. November 2012 Diesen Titel trägt der Automat zu Recht: Als „innovativstes Produkt“ wurde die Packstation einst ausgezeichnet, drei Millionen Kunden sind begeistert. Wer über das Versandunternehmen DHL ein Buch bestellt, hat die freie Wahl des Lieferorts: Wohnung, Nachbarn, Post-Filiale. Oder in die Packstation.
Kein Murren, keinen Feierabend kennt die Maschine, hält 24 Stunden Jacke, Laptop, Kamera bereit. Praktisch ist das, auch für Kriminelle. Denn abgeholt wird anonym: Und so bestellen Betrüger auf den Namen ahnungsloser Packstationskunden Waren im Internet, Lieferadresse ist der Automat. Bezahlt wird mit geklauten Kreditkartendaten - oder auf Rechnung. Die geht dann an den Kunden. Für mehr als 100.000 Euro orderte ein Münsteraner vergangenes Jahr bei Händlern auf fremder Leute Rechnung: Laptops, iPads, Schmuck - alles an die Packstation. Gleich 20 Rechnungen erhielt ein Mandant des Kölner Rechtsanwalts Christian Solmecke für Dinge, die er nie bestellt hatte, geschweige denn erhalten. Gesamtwert: 13.000 Euro. Geliefert wurde an den Automaten.
  Mehr zum Thema
Artikel
Tools

Der Kunde ahnt nichts - bis die Rechnung kommt

Nun kann nicht einfach jeder in fremdem Namen an die Packstation bestellen. Dafür braucht es allerhand Daten des DHL-Kunden. Und bisher ließ sich das Paket nur mit Kundenkarte abholen - doch die hatte der Betrüger in Münster einfach nachgemacht, die Daten vorher auf dem Rechner des Packstationsbenutzers ausgespäht. „Phishing“ heißt das Delikt, bekannt aus der Bankenwelt, bei dem ahnungslose Kunden täuschend echte E-Mails vom Dienstleister erhalten: Man solle doch bitte auf der und der Seite seine Daten neu eingeben, es habe eine technische Panne gegeben. Der Kunde ahnt nichts - bis die Rechnung kommt.
Zahlen über die Häufigkeit der Packstationsbetrügereien hat das Bundeskriminalamt nicht, DHL spricht von 100 bis 200 bekannten Fällen pro Jahr. 200 Packstationsbetrügereien legte allerdings allein die Kriminalpolizei Rosenheim im Oktober 2011 jenem Tätertrio aus dem bayerischen Landkreis zur Last, das der Sonderkommission „Packstation“ ins Netz gegangen war: Vorwiegend hochwertige Elektroartikel hatte ein 29-Jähriger nebst Komplizen auf fremde Rechnung in die Packstation bestellt und nach Abholung versteigert.
DHL versteht die Aufregung nicht: „Durch Packstationsbetrug entsteht für den Kunden kein finanzieller Schaden.“ Den hat das Versandhaus zu tragen - eigentlich. Denn Opferanwalt Solmecke berichtet, vielen seiner betrogenen Mandanten flattere eine Inkassoforderung nach der anderen ins Haus: „Das ist für die Betroffenen belastend.“ Schlimmer noch: So eindeutig sei die Rechtslage nicht. Wie auch Bankkunden sind Packstationsopfer nach mancher Rechtsauffassung haftbar: „Wenn sie nicht auf ihre Daten aufgepasst haben.“
Klar: Ein Massenphänomen ist Packstationsbetrug noch nicht. Doch das könnte sich ändern: „In letzter Zeit beobachten wir, dass Betrüger mit geklauten Daten nicht nur Bankkonten abräumen, sondern auch Waren im Internet bestellen und diese auf fremde Namen an Packstationen liefern lassen“, sagt Timo Steffens vom Bonner Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Die Kriminellen haben die Packstation als Alternative zu den risikoreichen Kontobetrügereien entdeckt: „Anders als nachverfolgbare Geldabhebungen lassen sich Pakete anonym abholen und ebenfalls anonym weiterverkaufen.“ Sogar Waffen orderten Schmuggler auf die Namen ahnungsloser Packstationskunden - öffnet der Zoll das Paket, muss sich nur der Adressat erklären.

„Es gibt niemals einen finalen Sicherheitsstandard“

Da drängt sich die Frage auf: Wie sicher ist die Packstation? Sicherer, sagt DHL - ab sofort. Diesen Monat hat der Transporteur eine neue Stufe eingezogen: Wer will, für den geht die Tür in der Packstation mit einem Code auf, der auf das Handy des Packstationsnutzers geschickt wird. „mTan“ heißt das Verfahren, ebenfalls bekannt aus dem Online-Banking. Die Idee: PCs sind auszuspähen. Doch das Handy müsste der Betrüger stehlen, um an SMS-Code und Paket zu kommen: „Mit der mTan haben wir den Sicherheitsstandard vieler Banken nun auch für den Paketdienst eingeführt“, sagt Andrej Busch, DHL-Paketchef: „Ich kann jedem guten Gewissens raten, die Packstation zu nutzen.“
Andererseits: „Es gibt natürlich niemals einen finalen Sicherheitsstandard.“ Sehr richtig: Erst vor eineinhalb Jahren hatte DHL die Packstation „noch sicherer“ gemacht, wie schon so oft. Gehindert hat es Kriminelle nie. Internetgangster seien „flexibel, schnell und professionell“, sagt Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA): Gebe es ein neues Sicherheitsverfahren, gingen die Fallzahlen kurzfristig zurück, dann stiegen sie noch stärker als vorher: „Die Täterseite verfügt schon jetzt über das technische Wissen zur Umgehung moderner Sicherungssysteme wie das mTan-Verfahren.“
Wie unter dem Brennglas zeigt das Beispiel Packstation die Probleme der digitalen Welt: Erst Anfang Oktober stellte DHL seine mTan-Idee auf dem IT-Security-Tag der Fraunhofer-Institute vor. Doch die Experten sind nicht überzeugt. Zu leicht ist es, sich auf ganz normalen Websites etwa auf Werbebannern Schadsoftware einzufangen: „Wenn erst mal ein Trojaner auf dem PC ist, kann der Angreifer damit sämtliche Daten abfischen“, sagt BSI-Experte Steffens. „Dann darf ein System nicht so konfiguriert sein, dass der Angreifer mit diesen Daten die mTan-Benachrichtigungen auf seine eigene Mobilnummer umleiten kann. Sonst landet die SMS mit dem Packstations-Code auf dem Handy des Betrügers.“ Matthias Ritscher vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie sekundiert: „Es gibt Verfahren, die sicherer sind als die mTan.“ Chipkarten wie die EC-Karte böten „ein eindeutig geringeres Angriffspotential“.
Der Experte legt den Finger in die Wunde: „Die Umstellung auf ein solches Verfahren kostet natürlich Geld.“ Lohnt sich das? DHL-Manager Busch sieht es so: „Egal bei welchem Verfahren: Wo Menschen interagieren, besteht immer ein Sicherheitsrisiko.“


Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z., Illustration: F.A.S.

Quicklinks
Spezialsuche:
Dax
F.A.Z.
Tec
Dow
Nas
17.05.2013 17:45 Uhr
Dax 8.398,00
+0,34 %
Dax
Tec
Dow
Nas
17.05.2013 17:35 Uhr
Tops & Flops Kurs in %
Lanxess 57,21 € +6,64%
COMMERZBANK AG 7,81 € +4,09%
Daimler 49,00 € +3,85%
Volkswagen Vz 168,40 € +3,73%
Continental 100,30 € +3,04%
Lufthansa 15,51 € −1,43%
Beiersdorf 70,54 € −1,51%
HeidelbergCement 59,57 € −1,60%
FMC 51,80 € −2,21%
Dt. Telekom 9,21 € −8,30%
17.05.2013 23:59 Uhr
Name Kurs in %
DAX 8.398,00 +0,34%
FAZ-INDEX 1.758,97 −0,08%
TecDAX 967,46 −0,30%
MDAX 14.070,60 +0,14%
SDAX 5.976,29 +0,24%
REX 445,88 +0,32%
Eurostoxx 50 2.817,99 +0,40%
F.A.Z. EURO 93,04 € +0,37%
Dow Jones 15.354,40 +0,80%
Nasdaq 100 3.028,96 +0,99%
S&P500 1.666,12 +0,95%
Nikkei225 15.138,10 +0,67%
EUR/USD 1,2839 −0,35%
Rohöl Brent Crude 104,72 $ +0,85%
Gold 1.376,75 $ −0,02%
Bund Future 145,14 € −0,04%
Highlights
EUR/USD
EUR/GBP
EUR/JPY
EUR/CHF
17.05.2013 23:59 Uhr
 
        Vortag
1,2839
−0,35 %
17.05.2013 Uhr
Name Kurs in %
Gold 1.376,75 $ −0,02%
Silber 22,52 $ +1,17%
Platin 1.472,00 $ +0,14%
Palladium 736,00 $ +2,22%
Rohöl Brent Crude 104,72 $ +0,85%
Gas 0,65 £ −0,17%
Kaffee 1,38 $ +0,25%
Zucker 0,17 $ +0,65%
Orangensaft 1,43 $ −3,06%
AMEX GOLD BUGS 601,37 --%
AMEX OIL 1.151,96 --%
Rogers International 24,14 +0,50%
Deutschland
Europa
17.05.2013 17:59 Uhr
Name Kurs in %
FAZ-INDEX 1.758,97 −0,08%
F.A.Z. BANKEN EUR 622,48 € +2,93%
F.A.Z. VERSICHERU... 21.467,40 € +0,03%
F.A.Z. IT + ELEKT... 4.141,12 € −0,21%
F.A.Z. BAU + IMMO... 3.451,83 € −0,65%
F.A.Z. CHEMIE + P... 2.548,90 € −0,42%
F.A.Z. VERS. + TE... 845,22 € −3,46%
F.A.Z. AUTO + ZUL... 3.403,09 € +2,58%
F.A.Z. MASCHINENB... 573,92 € +0,02%
F.A.Z. GRUNDSTOFF... 951,84 € −1,41%
F.A.Z. HANDEL + V... 1.262,94 € −0,07%
F.A.Z. KONSUMG. +... 1.296,48 € −1,03%
F.A.Z. ERNEUERB. ... 251,91 € −1,85%
3 Monate
1 Jahr
5 Jahre
17.05.2013 11:44 Uhr
 
        Vortag
REXP 438,93
+1,58 %

Sie haben Fragen zu FAZfinance.NET?

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2001-2013

Quellen: TeleTrader Software AG, FWW GmbH, Morningstar Deutschland GmbH und weitere. Alle Börsendaten werden mit mindestens 15 Minuten Verzögerung dargestellt. Realtime-Index-Daten in Zusammenarbeit mit der Boerse Stuttgart - Powered by Structured Solutions

 
© 2013 Morningstar, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Die hierin enthaltenen Informationen: (1) sind für Morningstar und/oder ihre Inhalte-Anbieter urheberrechtlich geschützt; (2) dürfen nicht vervielfältigt oder verbreitet werden; und (3) deren Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität wird nicht garantiert. Weder Morningstar noch deren Inhalte-Anbieter sind verantwortlich für etwaige Schäden oder Verluste, die aus der Verwendung dieser Informationen entstehen. Die Wertentwicklungen in der Vergangenheit ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.