17. Mai 2012

Notenbank

Banken erwarten abermals hohe EZB-Nothilfe

Von Markus Frühauf und Philip Plickert
01. Februar 2012 Europas Banken rüsten sich für eine neue Liquiditätsschwemme durch die Europäische Zentralbank (EZB). Nachdem diese kurz vor Weihnachten den Instituten in einem mit drei Jahren ungewöhnlich lang laufenden Refinanzierungsgeschäft 489 Milliarden Euro bereitgestellt hatte, erwartet die Deutsche-Bank-Analystin Soniya Sadeesh ein Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro für den am 29. Februar angesetzten zweiten Dreijahrestender.
Andere Schätzungen für die Nothilfe, mit der die EZB vor allem die von den Kapitalmärkten abgeschnittenen Banken Südeuropas stabilisieren will, liegen darunter. Die DZ Bank erwartet eine Inanspruchnahme von 300 Milliarden Euro. Die Citigroup bekräftigte am Dienstag ihre Prognose von 200 bis 300 Milliarden Euro. Gleichwohl sind die Erwartungen zuletzt gestiegen. Wie aus einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter Geldmarkthändlern hervorgeht, hat sich die durchschnittliche Prognose in den vergangenen zwei Wochen von 263 auf 325 Milliarden Euro erhöht. Morgan Stanley hielt in einer Mitte Januar veröffentlichten Studie ein Zuteilungsvolumen von 50 bis zu 400 Milliarden Euro für möglich.
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„In unbekannten Gewässern“

Die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ stellte nun in einem Bericht unter Berufung auf namentlich nicht genannte Bankenvertreter ein mögliches Zuteilungsvolumen von sogar bis zu einer Billion Euro in den Raum. Auf eine doppelt so hohe Zuteilung wie noch im ersten Dreijahrestender hat laut dem Bericht zudem Goldman Sachs Kunden hingewiesen. Eine Sprecherin der Investmentbank sagte jedoch, dass es keine Analystenschätzung ihres Hauses in dieser Höhe gebe.
In der EZB wurde der Bericht der „Financial Times“ mit ungläubigem Staunen aufgenommen. „Die Wahrheit ist, dass niemand die Nachfrage voraussehen kann“, hieß es. Man befinde sich „in unbekannten Gewässern“. EZB-Präsident Mario Draghi hatte vor knapp zwei Wochen auf einer Pressekonferenz in Abu Dhabi gesagt, die Nachfrage beim zweiten Dreijahres-Tender werde wohl nicht so hoch ausfallen wie beim ersten, „aber immer noch sehr hoch“. Die Aussage weniger Banken über ihre möglichen Pläne könne kaum als Indiz für die Gesamtnachfrage Ende Februar dienen, hieß es in der EZB.
Nach einer Aufstellung von Deutsche-Bank-Analystin Sadeesh haben Italiens Banken den ersten Dreijahrestender mit 161 Milliarden Euro in Anspruch genommen. Dahinter folgten französische Institute mit 107 Milliarden Euro. Allerdings geht Morgan Stanley für die Banken aus Frankreich von einem geringeren Volumen aus (siehe Grafik). Weder Banken noch nationale Zentralbanken haben bislang dazu Zahlen genannt. Sie beruhen in erster Linie auf Schätzungen. Laut Sadeesh haben Banken aus Spanien 85 Milliarden, aus Irland 76 Milliarden, aus Deutschland 47 Milliarden und aus Portugal 39 Milliarden Euro abgerufen.
Der Commerzbank-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus-Peter Müller bezeichnete die EZB-Nothilfen als riesige Subvention kränkelnder Banken außerhalb Deutschlands. Weder die Commerzbank noch die Deutsche Bank äußerten sich zu ihren Plänen für den neuen Dreijahrestender. Da die EZB die Mittel zum Leitzins von 1 Prozent bereitstellt, ermöglicht die Anlage in Staatsanleihen attraktive Zinsgewinne. In drei Jahren fällig werdende Schuldtitel Italiens werfen derzeit 4,2 Prozent ab. Würden die Banken 100 Milliarden Euro in diese Anleihen investieren, ergibt sich für sie ein Zinsgewinn von knapp 10 Milliarden Euro. Die Kurse italienischer und spanischer Staatsanleihen steigen seit Jahresanfang. Es ist zu vermuten, dass Banken aus diesen Ländern die EZB-Mittel für die Anlage in Anleihen ihrer Staaten nutzen.

Hohe Bestände in der Übernachteinlage

Die im Dezember zugeteilten 489 Milliarden Euro stellen allerdings nur die Bruttosumme dar. Denn gleichzeitig wurde aus anderen Offenmarktgeschäften umgeschichtet. Die Umschichtungen beliefen sich auf 279 Milliarden Euro, die Netto-Zuteilung damit auf 210 Milliarden Euro. Deutsche-Bank-Analystin Sadeesh erwartet in dem bevorstehenden Dreijahrestender Umschichtungen von 125 bis 150 Milliarden Euro. Die davon bereinigte tatsächliche Nachfrage kann ihrer Ansicht nach bis zu 300 Milliarden Euro betragen.
Peter Praet, der neue EZB-Chefvolkswirt, hat die Geldzuteilung an die Banken im Gespräch mit dieser Zeitung als „Unterstützung der Kreditvergabe in einem besonders schwierigen Umfeld“ verteidigt. Allerdings horten die Banken noch immer hohe Bestände bei der EZB in der nur mit 0,25 Prozent verzinsten Übernachteinlage. Diese belief sich Anfang der Woche auf 479 Milliarden Euro.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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