22. Mai 2013

Schuldenkrise

Anlegen in Krisenländern

Von Dyrk Scherff
17. November 2012 Die Anleger reiben sich verwundert die Augen: Spaniens Börse hat seit Ende Juli um 27 Prozent zugelegt, in Italien stiegen die Kurse um 20 Prozent, in Griechenland sogar um 35 Prozent (siehe Bildergalerie). Der so vielgelobte Dax hingegen hat nicht einmal die Hälfte geschafft. Wer es nicht so genau verfolgt hat, könnte meinen, die Euro-Krise sei gelöst.
Das ist sie natürlich nicht. Die Krisenländer stecken tief in der Rezession, und die Prognosen für das nächste Jahr trüben sich weiter ein, statt sich zu bessern. Die Haushaltsdefizite schrumpfen nicht wie geplant. Und die Arbeitslosigkeit wächst und wächst. Doch seit dem Sommer hat sich etwas zum Positiven verändert. Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Eurozone ist gebannt, seitdem der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, versprochen hat, mit unbegrenzten Anleihekäufen dagegen anzukämpfen.
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Das war das Signal, auf das die Finanzmärkte seit langem gewartet hatten. Die Kurse von Staatsanleihen der Südländer schossen in die Höhe und die Renditen damit in den Keller. Und mit ihnen stiegen die Aktienkurse, denn niedrigere Zinsen bedeuten auch eine bessere Finanzierung für die Unternehmen.
Berühmte Fondsmanager wie der Franzose Edouard Carmignac trommeln jetzt zum Einstieg. „Nun ist ein glaubwürdiger Rettungsplan für den Euro vorhanden. Die Anlageperspektiven von Industrie- und Finanzwerten verbessern sich“, sagt er und stockt den europäischen Aktienanteil in seinen Fonds auf. Zum ersten Mal seit drei Jahren kauft er auch wieder Bankaktien aus der Eurozone. Sie hatten besonders unter der Schuldenkrise gelitten.
Es gibt derzeit wenig Anzeichen, dass diese Erholung an den Märkten der Schuldenländer vorbei ist. „Der Risikoaufschlag von südeuropäischen Aktien wird sich noch weit in das nächste Jahr hinein reduzieren“, erwartet Britta Weidenbach, die die wichtigsten Europa-Fonds der Fondsgesellschaft DWS verwaltet. Voraussetzung dafür: keine neuen Horrormeldungen aus den betroffenen Ländern, weitere Reformen und dann irgendwann spät im nächsten Jahr auch einmal positive Überraschungen: ein geringer als erwartetes Defizit etwa oder eine mildere Rezession als befürchtet.
In den kommenden Wochen könnte hingegen Positives aus Brüssel kommen. Die EU-Finanzminister wollen Athen dringend benötigte Milliarden überweisen. Dann gibt es selbst für Griechenland nach vielen Monaten der Ungewissheit wieder ein wenig Hoffnung. Anleger, die auf eine solche Verbesserung der Stimmung und später auch der tatsächlichen Lage setzen, investieren mit hohem Risiko.
Sie wetten auf die Eurowende, die längst noch nicht sicher ist. Gelingt sie aber, werden die Anleger mit hohen Kursgewinnen belohnt, denn die Börsen in den Südländern sind trotz der jüngsten Erholung tief im Keller und weit von ihren Höchstständen entfernt, während dem Dax dazu nur noch 15 Prozent fehlen. Um nicht unnötig große Risiken einzugehen, sollten Anleger nicht breit in die Aktienmärkte der Krisenländer investieren, sondern sich einzelne Aktien herauspicken. Denn zum einen sind die jeweiligen Gesamtmärkte trotz des noch immer niedrigen Kursniveaus nicht billiger als etwa der Dax.
Zum anderen trifft die Rezession in den Ländern viele Unternehmen mit voller Wucht. Daher könnten sich die Aktienmärkte im Süden zwar weiter erholen, aber sich allenfalls kurzfristig besser als der Dax entwickeln. Mittelfristig aber werden sie nur dann die deutschen Aktien schlagen, wenn auch das Wirtschaftswachstum ihrer Heimatländer über dem von Deutschland liegt, was derzeit nicht absehbar ist. Dieser Zusammenhang zeigte sich in der Vergangenheit öfters. Als zum Beispiel Deutschland zwischen 1995 und 2006 wirtschaftlich den Mittelmeerländern hinterherhinkte, entwickelte sich auch der Dax schlechter.
Erst seitdem steigt der Dax stärker - weil auch die deutsche Wirtschaft kräftiger wächst. Einzelne Titel aus Südeuropa können aber trotzdem auch mittelfristig den Dax übertreffen. „Der beste Weg sind Unternehmen, die einen hohen Anteil ihres Umsatzes eher global als in ihren Heimatmärkten erzielen“, sagt Peter Oppenheimer, Aktien-Chefstratege von Goldman Sachs. Und global heißt dabei insbesondere außerhalb des kränkelnden Europas. Solche Firmen gibt es vor allem in Italien und Spanien einige. Viele dieser Aktien sind trotz Krise stetig gestiegen.
Teilweise sind sie Weltmarktführer. Wie etwa Inditex, der spanische Hersteller von Billigmode. Sein Kurs hat sich seit Anfang 2010 mehr als verdoppelt. Er beliefert die ganze Welt, profitiert aber auch im Heimatland von der Krise, weil die Menschen kein Geld für teure Kleidung haben. Verdoppelt hat sich auch der Kurs der portugiesischen Supermarktkette Jerónimo Martins, die stark vom Geschäft in Polen profitiert.
Stark gestiegen sind auch berühmte Marken wie Tod’s, Campari oder der Reifenhersteller Pirelli. Eine Ausnahme ist die spanische Telekomfirma Jazztel. Sie hat wenig Auslandsgeschäft, weitet aber in Spanien massiv ihren Marktanteil aus. Auch ihr Kurs ist seit 2010 um 90 Prozent gestiegen.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET, REUTERS

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