18. Mai 2013

Richtig aufräumen

Alles muss raus

Von Dennis Kremer
26. Dezember 2012 Der Mann kennt unser Gehirn wie kein Zweiter, es gibt kaum eine Windung, die er noch nicht erforscht hat. Und trotzdem räumt auch Gerhard Roth, einer der profiliertesten deutschen Hirnforscher, sofort ein: „Natürlich bin auch ich schon daran gescheitert.“
Irgendwie beruhigend. Denn die Erfahrung, von der der Bremer Professor da spricht, machen viele Menschen, und zwar besonders zum Jahresende. Schließlich scheint die freie Zeit zwischen Weihnachten und Silvester jedes Jahr aufs Neue eine ganz besondere Gelegenheit zu bieten: Endlich mal Ordnung schaffen! Den Keller ausmisten, die Akten im Büro sortieren, Pläne für die Zukunft machen. Doch am Ende sind die Tage ruck, zuck vorbei, und zurück bleibt meist ein schlechtes Gefühl: Wieder kaum etwas geschafft.
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Das Gehirn spart, wo es nur kann

Das hat vor allem einen Grund: So, wie die meisten Menschen an die Sache herangehen, ist sie von vornherein zum Scheitern verdammt. „Wir unterschätzen vollkommen, wie wenig unser Gehirn auf solche Tätigkeiten eingestellt ist “, sagt Forscher Roth. Seine Lösung lautet darum: Ordnung beginnt im Kopf. Ist der aufgeräumt, fällt auch das Aufräumen an anderer Stelle wesentlich leichter.
Doch wie macht man das, seinen Geist ordnen? Indem man zunächst im Groben versteht, wie unser Gehirn funktioniert. Zwar streiten sich die Wissenschaftler hier über viele Details, aber in einem Punkt sind sich die meisten Forscher einig: Das Gehirn folgt stets einer einfachen ökonomischen Regel - bei allen seinen Aktivitäten ist es bemüht, nie mehr Energie als nötig einzusetzen. Anders ausgedrückt: Es spart, wo es nur kann.
Dies ist nicht nur der Schlüssel zum Verständnis des Gehirns, sondern auch der wesentliche Grund für das häufige Misslingen der Aufräumaktionen zum Jahresende. Denn Energie spart unser Kopf vor allem dann, wenn er eine Sache schon kennt, wenn er also an sie gewöhnt ist - und genau das ist beim Ausnahmefall des Großreinemachens zwischen den Jahren eben nicht so.

Eine neue Gewohnheit lässt sich nur behutsam erlerne

Dass unser Gehirn solche Situationen als besonders unangenehm erlebt, können Forscher sogar messen: Bei neuen Aktivitäten steigen der Sauerstoff- und der Zuckerverbrauch drastisch an - das Gehirn befindet sich im Stress, es fühlt sich stark gefordert. Bei eingeübten Tätigkeiten dagegen ist nicht nur der Energiebedarf unseres Kopfes im Durchschnitt um zwei Drittel geringer, sondern fatalerweise kommt noch ein zweiter Effekt hinzu: Als Belohnung dafür, dass die Dinge so prächtig laufen, werden euphorisierende Botenstoffe freigesetzt - darum fühlen sich Menschen so gut, wenn ihnen etwas leicht von der Hand geht.
Die zentrale Frage lautet darum: Wie kann man das Gehirn überlisten - und auf diese Weise etwas so Unangenehmes wie das Ordnungschaffen zur lieben Gewohnheit machen?
An der Antwort hat sich ein ganzes Heer von Sachbuchautoren abgearbeitet - aber kaum jemand so klar wie Birgit Medele. Die Expertin weiß: Eine neue Gewohnheit lässt sich nur behutsam erlernen. Und dies gelingt umso besser, wenn die Verhaltensänderung mit der Aussicht auf eine Belohnung verbunden ist - nur so wird das Unangenehme zum Angenehmen.

Ausreden lassen sich immer finden

Auf den Alltag übertragen, bedeutet dies: „Die große Hauruck-Aktion zwischen den Jahren ist definitiv der falsche Weg. Menschen übernehmen sich, wenn sie sich ein Projekt vornehmen, das größer ist als winzig“, sagt Medele. Besser ist es, den umgekehrten Weg zu gehen und mit kleinen Schritten anzufangen.
Das heißt zunächst einmal: Nur Überschaubares angehen. Sich also nicht gleich das ganze Büro vornehmen, sondern erst mal nur eine einzige Schublade. Im übertragenen Sinne gilt dies auch für Projekte im Beruf: Wer im nächsten Jahr Vorstandsvorsitzender werden möchte, wird zwangsläufig scheitern. Besser ist es, sich erst mal auf eine kleine Beförderung oder mehr Gehalt zu konzentrieren. So stellt sich der Erfolg schneller ein.
Eine zweite wichtige Regel lautet: Wer sich ans Aufräumen gewöhnen will, muss sich klare Zeiten setzen. Zehn Minuten - mehr empfiehlt Medele nicht für den Anfang: „Ein untrainierter Jogger startet ja auch nicht gleich mit einem Marathon.“ Die meisten Jogger, um im Bild zu bleiben, kennen jedoch ein Problem nur zu gut: Ausreden lassen sich immer finden, um eben doch noch nicht loszulegen. Dasselbe gilt beim Ordnungschaffen. Darum raten die Experten zu einem Trick: Die Termine zum Aufräumen sollten sich Anfänger genau wie einen beruflichen Termin in den Kalender eintragen - und diesen auch genauso ernst nehmen. Hilfreich ist es außerdem, Freunden oder der Familie von dem Vorhaben zu berichten.

Ein gutes Training für andere Lebenssituationen

Doch dies alles hilft wenig, wenn nicht das Wichtigste hinzukommt: die Aussicht auf Belohnung. Ist die Schublade geordnet oder ein kleines Projekt im Beruf abgeschlossen, sollte man dies ruhig ein wenig feiern. So lässt sich am Ende auch unser träges Hirn austricksen: Die Vorfreude auf die Belohnung danach macht das Aufräumen immer angenehmer.
Aber was kommt in den Müll, und was bleibt? Spezialistin Medele sagt: „Eine klare Entscheidung ist bei jedem Gegenstand nötig - ja oder nein.“ Bei Unsicherheit hilft der Karton-Trick: Die Sachen in eine Kiste packen und mit einem Datum versehen - wer nach ein paar Wochen noch nicht wieder reingeschaut hat, weiß dann: Von diesen Gegenständen sollte der Abschied nicht schwerfallen.
Das ist auch ein gutes Training für andere Lebenssituationen. Verschieben wir beispielsweise einen bestimmten beruflichen Plan immer nur weiter in die Zukunft, heißt das in Wahrheit: Wir wollen dies gar nicht richtig. Da ist es besser, den Plan aufzugeben.
Klare Entscheidungen helfen auch beim Ordnen des Wertpapierdepots weiter. Es reicht, auf mehrere Tage verteilt einmal die Liste der eigenen Geldanlagen durchzugehen: Weiter daran festhalten oder nicht? Dringend ist die Entscheidung nur bei Papieren, die hervorragend gelaufen sind und deswegen einen hohen Anteil am Portfolio ausmachen - ein Klumpenrisiko. Das Schöne beim Ordnen des Depots aber ist: Es kann schon aus sich selbst heraus eine Belohnung enthalten - wenn die eigenen Aktien im Plus notieren.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Doriano Solinas/SIS

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