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Singen im Chor
Aus voller Kehle
Von Jan Wiele, Frankfurt
30. Januar 2012 „Wow, lauter Teenies in pinkfarbenen Jogginganzügen: So muss ein Chor sein!“: Das dachte sich Martin Schultheiß auf dem Kirchentag 1987, als er den inspirierten Auftritt eines Jugendchores der norwegischen „Ten Sing“-Bewegung sah. Heute ist der promovierte Physiker Leiter des Frankfurter Gospelchores. Dessen Mitglieder sind keine Teenies mehr und tragen auch keine Jogginganzüge. Aber Begeisterung wecken sie sofort, schon bei der Probe in Preungesheim. „I lift my hands to glorify his holy name“, erschallt es aus den Mündern von gut vierzig Männern und Frauen. Tatsächlich heben sie die Hände, klatschen und lassen ihrem Bewegungsdrang freien Lauf. Beim Gospel ist das Singen vom Tanzen nie weit entfernt.
Schultheiß begleitet beschwingt an einem E-Piano, dirigieren dürfen abwechselnd verschiedene Chormitglieder. Die Grundierung liefert eine Mini-Rhythmusgruppe mit E-Bass und einer Holzkiste namens Cajón. Über allem aber liegt der Klang des mächtigen Chor-Körpers. Hier singen Frankfurter, aber sie klingen fast wie amerikanische Südstaatler: „Oh Happy Day“. Die Festeburgkirche bebt. Eine der Sängerinnen hat ein Baby im Tragetuch umgebunden. Es sieht zufrieden aus.
Alles dabei
Warum singt der Mensch im Chor? Um Gott zu loben, lautete über Jahrhunderte die selbstverständliche Antwort. Seit in der Zeit der bürgerlichen Revolutionen die Sängerbünde und Liedertafeln aufkamen, gibt es auch eine starke Tradition weltlichen Chorgesangs; längst aber ist die Szene noch differenzierter geworden.
Allein die Namen der Frankfurter Chöre lassen vermuten, dass hier jeder nach seiner Façon singend glücklich werden kann: ob in der Heilandskantorei, in Gospel- oder Kammerchören, im Polizeichor, im Sängerchor der Bäcker oder jenem der Lokbediensteten, im Volkschor Frohsinn Rödelheim, im Frankfurter Beschwerdechor oder bei den „Liederlichen Lesben“.
Glücksgefühle
Für manche ist der Chorgesang Ausdruck gelebten Glaubens, der Persönlichkeit oder der Weltanschauung; für andere die Möglichkeit, mit ihren Arbeitskollegen auch in der Freizeit verbunden zu sein. Wieder andere gehen bewusst auf Distanz zum religiösen Singen. Auf der Internetseite des Frankfurter Chors des Deutschen Gewerkschaftsbundes begründen einige Mitglieder ihre Wahl so: „Weil ich nicht im Kirchenchor singen möchte“, „Weil ich gerne mit Verrückten zusammen bin“, „Weil hier Brecht und Eisler zu ihrem Recht kommen“.
Ingeborg Koschate dagegen begeistert sich für Barock und Klassik - Gospel sei nichts für sie, sagt die Zweiundfünfzigjährige, die bei der Lufthansa arbeitet. Sie singt in der Katharinenkantorei: Bach, Mozart und Händel sind ihre Lieblinge. Und sie erzählt von den Glücksgefühlen, die sie hat, wenn sie ein Oratorium singt und mit den anderen zu einem Klangkörper verschmilzt. Nicht bei jeder Probe gelinge das - es müssten viele Faktoren zusammenkommen. Dazu gehörten viel Fleiß und nicht nur wöchentliche Proben, sondern auch mal ein zusätzlicher Samstag. Wenn dann aber bei der Aufführung alles zusammenkomme, sei es das Größte. Außerdem mache Singen gesund - „ist wissenschaftlich erwiesen“, fügt sie lachend hinzu.
Das große Interesse an weltlicher Musik missfällt manchen Kirchenmusikern
Zum Lebenselixier ist das Singen auch für Peter Wimmers geworden. Der 65Jahre alte Rentner liebt Puccini-Opern, singt in einem Männerchor und einem gemischten Chor und steht als Vorsitzender des Frankfurter Sängerkreises mit vielen anderen Musikfreunden in Kontakt. Auf das Deutsche Chorfest in Frankfurt Anfang Juni (siehe Kasten), bei dem er auch als Organisator mitwirkt, freut er sich jetzt schon. Sorgen macht er sich allerdings um die Vermittlung des deutschen Liedguts in der Schule. Wenn man dort heute frage, wer denn das Ännchen von Tharau sei, bekomme man oft ein Achselzucken zur Antwort. An Kinder- und Jugendchören mangele es in Frankfurt nicht, allerdings fehle Nachwuchs im Alter von 20 bis 45Jahren - viele junge Leute wollten sich heute nicht mehr dauerhaft in Vereinen engagieren.
Genau die von Wimmers vermisste Altersgruppe ist aber etwa im Frankfurter Gospelchor wie auch generell in Pop- und Jazzchören stark vertreten. Das große Interesse an weltlicher Musik missfällt manchen Kirchenmusikern, weil dadurch viel Nachwuchs „abgeworben“ werde. Der Dirigent Christian Kabitz, der in Würzburg Bachchor und Bachorchester leitet und in Frankfurt große Erfolge mit dem Cäcilien-Chor gefeiert hat, bleibt dennoch gelassen. Er findet alle Formen des Chorgesangs gut; für ihn unterscheiden sie sich allerdings in der Größe der Herausforderung: „95Prozent des wirklich großartigen Repertoires sind geistlich“, sagt er. „Jemand, der wirklich große Stücke singen will, ist somit fast zwangsläufig auf die geistliche Musik verwiesen.“
Die durstige Seele
Auch Kabitz hat beobachtet, dass die Menschen sich heute ihren Chor nicht mehr nur nach dem Repertoire aussuchen, sondern ebenso mit Blick auf die sozialen Kontakte, die sich ergeben. Die „Vielharmonie Sachsenhausen“ zum Beispiel bekennt sich schon im Logo zur Geselligkeit: An einem Notenschlüssel baumelt ein Ebbelwei-Bembel. Auf jede wöchentliche Probe folgt ein gemütlicher Abend in der Traditionswirtschaft des „Gemalten Hauses“. Manchmal seien dort auch Chormitglieder dabei, die es vorher nicht zum Üben geschafft hätten, verrät die Leiterin Brigitte Hertel schmunzelnd.
„I need my cup to be filled“, singen Sopran, Alt, Tenor und Bass auch in Preungesheim zur Abendstunde - ein typisches Sprachbild der Gospeltexte, in denen oft von der durstigen Seele und dem Brot des Himmels die Rede ist. Einen Apfelwein hätten sich die durstigen Kehlen nach der Probe aber auch verdient.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Schmitt, Felix
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2012.
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