17. Mai 2012

Fahrtbericht Kia Rio

Aus der Mitte entspringt ein Fluss

Von Boris Schmidt
01. Februar 2012 Als Kia vor mittlerweile zwölf Jahren zum ersten Mal ein Auto namens Rio auf den Markt brachte, war das ein 4,24 Meter langes, eher unförmiges Etwas, das sich nicht entscheiden konnte, ob es ein Kombi oder ein Schrägheck-Auto sein wollte.
Als Marke war Kia in Deutschland noch in einer Lernphase, knapp 20.000 Autos wurden im Jahr 2000 verkauft. Heute sind es im Jahr mehr als doppelt so viele (2011: 42.065, ein Plus von 14,9 Prozent im Vergleich zu 2010), und die Produkte sind wahrscheinlich dreimal so gut wie damals.
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Preis

Seit 2006 ist der Deutsche Peter Schreyer (ehemals Audi, zeichnete unter anderem den A2) bei Kia für das Design verantwortlich, auch der neue Rio trägt deutlich erkennbar seine Handschrift. Der kleine, aber stämmige Kia (4,05 Meter lang) scheint in der Mitte des Marktes angekommen zu sein, er ist kein Außenseiter mehr. Rein äußerlich kann er es mit der Konkurrenz aufnehmen. Wie ein Billigrodukt sieht der Rio wahrlich nicht aus, aber mit einem Basispreis von 9.990 Euro ist er eine deutliche Kampfansage an die etablierten Hersteller.

Ausstattungsvarianten

Vierstellig bleibt der Preis aber nur, wenn es nicht mehr als zwei Türen sein sollen, die Farbe Schneeweiß gewählt wird und 63 kW (85 PS) Leistung aus 1,2Liter Hubraum genügen. Andererseits ist es unmöglich, den Listenpreis über 21.180 Euro zu steigern.
Dann fährt man einen Viertürer mit 1,4-Liter-Diesel (66kW/90 PS) in der besten Ausstattungslinie Spirit, metalliclackiert (390 Euro), mit Startknopf und Keyless Go, Tempomat, Sitzheizung vorn (Technik-Paket, 710 Euro), Automatik (700Euro) sowie Navigationssystem inklusive Rückfahrkamera (990 Euro).
Andere Zutaten wie 17-Zoll-Alu-Räder, beheizbares Lederlenkrad, Abbiegelicht, elektrisch anklappbare Außenspiegel mit integrierten Blinkern und eine Klimaautomatik gehören bei Spirit zum Lieferumfang. Gast in der Redaktion war indes ein Rio mit 1,4-Liter-Benziner (80 kW/109PS) in der mittleren Ausstattung Edition 7. Dafür genügen 15.350 Euro, inklusive Metalliclack (sechs Farben zur Wahl).
Mit dabei sind dann unter anderem elektrische Fensterheber vorn, elektrisch verstellbare Außenspiegel (in Wagenfarbe), 16-Zoll-Leichtmetallräder, eine Klimaanlage, das CD-Radio nebst USB-, Aux- und iPod-Anschlüssen, die Zentralverriegelung mit Fernbedienung und ein umfangreiches Sicherheitspaket, das allen Rio zuteil wird: sechs Airbags, Gurtwarnsystem auch für die Rücksitze, ESP, ABS, Bremsassistent, um nur das Wichtigste zu nennen. Bemerkenswert: BIm Euro-NCAP-Crashtest hat der Rio mit der Bestnote abgeschnitten.

Innenraumdesign

Im Innenraum hat er zwar nicht die „Premium-Präsenz“, die Kia für das Außendesign reklamiert, aber man kann sich wohl fühlen, trotz des vielen Hartplastiks. Obligatorisch sind schwarze Stoffsitze, Ledergestühl gibt es selbst im Spirit nicht, diese Version ist aber innen etwas schöner eingerichtet, und sie hat ein anderes Instrumentarium, bei dem nicht auf das Kühlwasser-Thermometer verzichtet wird.

Platzangebot

Alle Rio haben ein in der Höhe und axial verstellbares Lenkrad, so dass wohl jeder seine optimale Position findet. Die Bedienelemente sind gut zu erreichen, ein Extralob gibt es für das große Handschuhfach (15 Liter). Eine Mittelarmlehne bleibt den Spirit-Modellen vorbehalten, hinten gibt es so etwas nicht, aber dafür viel Platz, wenn man bedenkt, dass der Rio eigentlich ein Kleinwagen ist.
Mit dem Radstand von 2,57 Meter ist er auf dem Niveau des eine Nummer größeren VW Golf (4,20 Meter lang), was zu relativ guten Platzverhältnissen führt. Die Türen öffnen weit, das Einsteigen ist bequem. Weil die äußerste Ecke der hinteren Fensterrahmen mit Plastik verkleidet ist, lassen sich auch hier die Scheiben vollständig versenken. Das ist so selten geworden wie ein vernünftiger Sitzplatz für den Passagier in der Mitte der 1,26 Meter breiten Rückbank.

Kofferraum

Nicht nur in dieser Hinsicht bleibt der Kia ein Kleinwagen: Das Kofferraumvolumen beträgt 288 Liter (Golf 350, VW Polo 280 Liter). Klappt man die asymmetrisch geteilte Rückbanklehne um, wächst das Volumen auf 923 Liter, die Länge der fast ebenen Ladefläche beträgt rund 1,40 Meter.
Im Kofferraumboden wäre noch Platz für ein vollwertiges Reserverad, doch das spart sich Kia wohl für andere Märkte mit schlechteren Straßen. So bleibt Platz für etwas Krimskrams und selbstverständlich Tirefit nebst Kompressor. Das Gelass ist ordentlich verkleidet, rechts und links sind noch kleine Ablagefächer, die herausnehmbare Hutablage ist fest und stabil, da gibt es nichts zu meckern.

Leistung

Zwar holt sich der Rio in den statischen Disziplinen gute Noten, doch wenn es ums Fahren geht, sieht es anders aus. Zunächst gibt es das Start-Stopp-System nur in Verbindung mit der Spirit-Ausstattung. Das ist zwar zu verschmerzen, doch ist der Motor in fast allen anderen Belangen eine große Enttäuschung. Nach fast 110 PS fühlt er sich allenfalls an, wenn man ihn in Bereiche jenseits von 4000 Umdrehungen in der Minute peitscht, dann dreht er hoch bis 6500/min, ehe der Begrenzer dem Treiben abrupt ein Ende setzt.
Fährt man nicht ständig Vollgas, ist der Rio 1.4 ein müder Geselle. Selbst fleißiges Schalten hilft nicht viel, und elastisch ist das Triebwerk beileibe nicht, die Messdaten für die Beschleunigung von 50 auf 100 km/h in den großen Gängen sind der Beweis dafür: Es dauert 15,5, 19,7 oder gar 26,6 Sekunden (im 4./5./6. Gang). Das maximale Drehmoment beträgt nur 137Newtonmeter, da muss man sich nicht wundern. Dennoch ist eine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h möglich. Erreichbar ist sie im 5.Gang, der 6.Gang dient der Drehzahlsenkung. Dennoch liegen bei Tacho 140 km/h - was bei dem genau anzeigenden Instrument fast auch diesem Tempo entspricht - recht hohe 3700/min an.

Verbrauch

Entsprechend laut ist es bei hohem Tempo im Wagen, das ist ein weiterer Schwachpunkt. Bescheidet man sich mit 110 km/h bei 3000/min, rollt der Rio ruhig dahin. Und man wird mit einem Benzinverbrauch von 5,4 Liter auf 100 Kilometer belohnt. Solche Werte lassen sich nur auf dezidierten Sparfahrten erreichen, im Regionalverkehr im Rhein-Main-Gebiet zwei Wochen als Auto für jeden Tag benutzt, kam der Rio auf Werte zwischen 8,0und 9,4 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. Das ist keine Ruhmestat.

Fahrverhalten

Wenigstens ist der frontgetriebene Rio hinreichend fahrsicher und stellt niemanden vor Probleme. Die Bremsen (vorn und hinten Scheiben) verzögern gut, auch sind sie standfest. Der Federungskomfort ist allenfalls Durchschnitt. Kommt es hart auf hart, schlägt es hinten schon mal durch, und auf Schlechtwegstrecken in Kurven versetzt der Rio gelegentlich. Was noch auffällt: Das Armaturenbrett knarzt vernehmlich, wenn der Wagen über unebene Fahrbahnen fährt. Die Servolenkung ist schön leichtgängig, fast zu leichtgängig sogar, aber fürs flotte Einparken in der Stadt ist das sehr hilfreich.
Letztendlich ist der Rio ein unspektakuläres Auto für die Fahrt von A nach B. Viele Menschen wollen nichts anderes, die können mit dem Rio glücklich werden. Aber vielleicht sollten sie besser zum drehmomentstärkeren (220 Nm maximal) und sparsameren Diesel greifen. Sieben Jahre Garantie gibt es für alle Kia, auch das ist ein gutes Argument für ein unspektakuläres Auto, das man schon für spektakuläre 9990 Euro bekommt.
Nächste Woche: Audi Q3 2.0 TDI Quattro


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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