17. Mai 2012

Ringen

Am Feierabend zur Weltspitze

Von Oliver Trust, Musberg
19. September 2011 Die Luft im grünen Weg in Musberg schmeckt nach Landwirtschaft. Auf den Dächern des Gehöftes im Ortsteil von Leinfelden-Echterdingen vor den Toren Stuttgarts glitzern auf vielen Quadratmetern Solaranlagen. Ein örtlicher Metzger fährt mit Fleischkäse und Kartoffelsalat bis vor die Halle, die mit Blumen und deutschen Fähnchen geschmückt ist. Hier ist Frank Stäbler zu Hause, und hier wird der erste Musberger Olympiateilnehmer nun wie ein Held gefeiert. Manchem gilt der 22-jährige Ringer als das „deutsche Wunder von Istanbul“, dem Ort der Ringer-Weltmeisterschaft, die im Jahr vor den Spielen in London sonst wenig positive Schlagzeilen für den Deutschen Ringerbund (DRB) lieferte. Stäbler, Ringer im griechisch-römischen Stil, qualifizierte sich als einziger Deutscher auf Anhieb für die Sommerspiele 2012 in London. Sieben Olympia-Plätze hatte der DRB angestrebt. Die Gründe für die ernüchternde WM-Bilanz sind vielfältig. Gegen eine Ursache aber lässt sich wenig ausrichten.
Während viele Athleten, vor allem aus osteuropäischen Ländern, unter Vollprofibedingungen trainieren, gehen die meisten deutschen Ringer zuerst Job, Ausbildung oder Studium nach - und dann zum Training. So zeigt der WM-Coup des Schwaben, wie schwer es für deutsche „Feierabendringer“ ist, zur Weltspitze aufzusteigen, und wie das mit Einsatz gelingen kann, wenn alles optimal läuft. Stäbler verlor zwar seinen Kampf um Bronze gegen den Koreaner Hyeon-Woo Kim, hatte sich mit dem Sieg zuvor über den Kasachen Darkhan Bayakhmedow aber Platz fünf gesichert.
Stäblers Weg ist typisch für die deutsche Ringerszene. Der Schwabe steckt in einer Ausbildung zum Fachinformatiker und muss sich dabei auf das Wohlwollen seines Arbeitgebers verlassen. „Ich bekomme die beste Unterstützung, die möglich ist, und bin dafür sehr dankbar“, sagt Stäbler. „Viele der ,Vollprofis aus dem Osten' haben sicher bessere Möglichkeiten. Aber dort ist Ringen wie Fußball in Deutschland. In Istanbul waren mehr als 10.000 Zuschauer in der Halle. Das ist eine andere Welt.“
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Stäbler ringt zwar mit den Aufstiegsproblemen. Aber als eines der größten deutschen Talente profitierte er auch von einer ungewöhnlichen Förderung. Er besuchte den Ringerkindergarten, der vor zwanzig Jahren in Musberg gegründet worden ist. Viele kleine Kämpfer von Dreikäsehoch-Statur machten dort ihre ersten Schritte auf dem Weg zur Bundesliga-Reife. Stäbler steht kurz vor der Weltspitze. „Frank hat eine gute Entwicklung hinter sich“, sagt Bundestrainer Maik Bullmann. „Ich hoffe, er schiebt sich irgendwann vorne rein. Das Potential ist da, aber noch nicht da, wo wir hinwollen.“

„Man muss über sich hinauswachsen“

Der Weg nach Olympia ist schwieriger geworden. Wegen der hohen Teilnehmerzahl wurden die Qualifikationskriterien nochmals verschärft. 2007 durften noch die besten sieben Ringer einer WM in jeder Gewichtsklasse zu den folgenden Sommerspielen (in Peking) fahren. In Istanbul qualifizierten sich nur die besten Sechs. „Man muss über sich hinauswachsen“, sagt Bullmann, „viele internationale Spitzenringer sind in Istanbul ausgeschieden. Selbst für die Weltklasse ist es eng“, fügte er hinzu.
Stäbler hat sich weitere Qualifikationsturniere erspart. Für seine deutschen Kollegen gibt es drei weitere Gelegenheiten, den Sprung nach London zu schaffen. Bullmann aber denkt schon über London hinaus: „Um den Standortnachteil auszugleichen, müssen wir die Qualität im Training weiter erhöhen und internationale Trainingspartnerschaften mit anderen Nationen ausbauen. Wir haben mit unserem System nicht viel Spielraum.“ Allein die besseren Bedingungen der Konkurrenz reichen Verbandspräsident Manfred Werner nicht für eine plausible Erklärung der deutschen Ringer-Schwäche. „Wir haben zwanzig internationale Medaillen im Nachwuchs - bei den Männern und Frauen sind wir dagegen froh, wenn mal einer ins Viertelfinale kommt, wir schaffen den Übergang nicht“, sagt Werner.
Die anstehende Klausurtagung des Trainerstabes könnte eine Art Krisensitzung werden. Seit vier Jahren warten deutsche Ringer auf eine WM-Medaille. 2007 hatte Stephanie Groß Silber gewonnen. Bei den Männern gewann Konstantin Schneider 2005 die letzte im klassischen Stil. Im freien Stil gelang das dem heutigen Bundestrainer Alexander Leipold - vor zwölf Jahren. Fest steht: Überraschungen wie die durch Frank Stäbler gab es in Istanbul zu wenige. „Dass ich das schaffe“, sagte Stäbler, „hätte keiner gedacht.“


Text: F.A.Z.

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