25. Mai 2013

Milliardär Sheldon Adelson

100 Millionen Dollar für Mitt Romney

Von Matthias Rüb, Washington und Hans-Christian Rößler, Jerusalem
17. September 2012 David Axelrod hat eine einfache Erklärung: Sheldon Adelson geht es ums Geld. Deshalb bittet Axelrod seinerseits um Geld, nämlich für den Wahlkampf von Präsident Barack Obama. David Axelrod ist seit vielen Jahren einer der engsten Weggefährten von Barack Obama, bei den Wahlen vor vier Jahren war er dessen Wahlkampfmanager. Nach Obamas Wahlsieg im November 2008 ging Axelrod zunächst mit nach Washington, wo er Chefberater im Weißen Haus wurde. Anfang 2011 kehrte er nach Chicago zurück, um dort abermals das Hauptquartier für die Kampagne zu Obamas erhoffter Wiederwahl am 6. November aufzuschlagen.
Dafür braucht Axelrod Geld, viel Geld. Am Wochenende hat David Axelrod deshalb in einer Massen-E-Mail an Anhänger und potentielle Spender die Sache mit Sheldon Adelson vorgerechnet. Adelson, den Axelrod als „konservativen Milliardär“ beschreibt, würde demnach im Falle eines Wahlsieges des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney einen riesigen Profit machen, weil Romney die Steuern für Reiche und vor allem für im Ausland erzielte Gewinne senken wolle: „Wenn Mitt Romney gewinnt, bedeutet das zwei Milliarden mehr für Adelson. Wenn Barack Obama gewinnt, bezahlen auch Millionäre und Milliardäre ihren fairen Anteil.“ Dann bittet Axelrod noch rasch um eine großzügige Spende für Obama, um einen Sieg Romneys verhindern zu helfen.
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Wiederwahl Obamas verhindern

Das Argument mit Adelsons Extraprofit passt in die Strategie Axelrods und Obamas, Romney als den reichen Kandidaten darzustellen, der im Falle eines Wahlsiegs die Superreichen begünstigen und die Not der Mittelschicht verschlimmern würde. Aber Adelson unterscheidet sich von den anderen superreichen Spendern Romneys, die sich im Hintergrund halten und versuchen, möglichst nicht aufzufallen: Er hat öffentlich angekündigt, dass er bis zu 100 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen dafür ausgeben wolle, um die Wiederwahl Obamas zu verhindern. Bei einer Verwirklichung von Romneys Steuerplänen wäre das keine schlechte Investition - aber ginge es Adelson nur darum, würde er es dann so offen machen?
Dass Leute wie er überhaupt so viel Geld in den Wahlkampf ihrer Kandidaten pumpen können, liegt an einem Urteil des Obersten Gerichts vom Januar 2010. In dem Verfahren der konservativen Organisation „Citizens United“ gegen die Bundeswahlkommission entschied der Supreme Court mit der Mehrheit der fünf konservativen Richter, dass Geldspenden für politische Interessengruppen als Akt der freien Rede von der Verfassung geschützt seien und daher nicht eingeschränkt werden dürften. Zwar bleibt es bei der Beschränkung des Wahlgesetzes, wonach jeder Bürger pro Jahr höchstens 2500 Dollar an Kandidaten und deren offizielle Wahlkampagnen spenden darf. Aber Zuwendungen an die sogenannten „Super Political Action Committees“ (Super PACs) sind unbeschränkt möglich, sofern diese den Anschein der organisatorischen Unabhängigkeit von den Wahlkampagnen eines Kandidaten oder eine Partei wahren.
Sheldon Adelson wurde 1933 als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine geboren und wuchs in Boston auf. Der Vater war Taxifahrer, die Mutter betrieb ein Geschäft für Strickwaren. Noch vor dem Abschluss der Universität war Adelson als Hypothekenmakler sowie als Finanz- und Investitionsberater erfolgreich. Seinen Aufstieg zu einem der reichsten Männer Amerikas verdankt Adelson dem Gespür für künftige Wachstumsmärkte. 1979 entwickelte er mit einem Geschäftspartner die Computermesse „Comdex“, die bis weit in die neunziger Jahre hinein eine der international wichtigsten Fachmessen für Informationstechnologie bleiben sollte. 1995 verkaufte Adelson seine Anteile an der Messegesellschaft für rund 500 Millionen Dollar.
Das Geld investierte er in Hotels und Kasinos in Las Vegas, wo er zu einer Antriebskraft für die Neuerfindung des Glücksspiel-Dorados in der Wüste von Nevada wurde: Aus dem schmuddeligen Halbwelt-Paradies wurde die Glitzermetropole mit gigantischen Luxushotels und grandiosen Shows, mit Gourmetrestaurants, Kongresszentren und Einkaufsmeilen. Die Grundsteine des Adelson-Imperiums „Las Vegas Sands“ waren das Hotel und Kasino „Venetian“, zu dem später das „Palazzo“ hinzukam.

Platz acht der reichsten Männer

Abermals bewies Adelson das richtige Gespür, als er 2007 die Expansion nach Asien unternahm, das „Venetian Macao“ in der chinesischen Glücksspielmetropole und bald darauf eine Kasino- und Hotelanlage in Singapur eröffnete. Inzwischen sorgen Adelsons Milliardeninvestitionen in Asien für vier Fünftel des Umsatzes seiner Gruppe. Aber auch das Geschäft in Amerika, das nach der Finanzkrise von 2008 eingebrochen war, erholt sich wieder. Gemeinsam mit seiner Frau Miriam Ochsorn hält Adelson 57 Prozent der Aktien der „Las Vegas Sands“-Gruppe. Sein Privatvermögen wird auf 25 Milliarden Dollar geschätzt, auf der „Forbes“-Liste der reichsten Amerikaner steht er derzeit auf Platz acht.
Adelson plant derweil die Expansion seiner Geschäfte in Europa. In das Projekt „Euro-Vegas“ bei Madrid will er in den kommenden Jahren umgerechnet 17 Milliarden Euro investieren. Der Komplex soll zwölf Hotelanlagen mit insgesamt 36000 Zimmern, sechs Kasinos mit 1065 Roulette-Tischen und 18000 Spielautomaten umfassen. Hinzu kommen neun Show-Theater, drei Golfplätze und ein Stadion mit 15000 Plätzen. Im monatelangen Tauziehen um den Zuschlag für „Euro-Vegas“ hatte sich jüngst Madrid gegen Barcelona durchgesetzt.

Nach Gingrich kam Romney

Sheldon Adelson und seine Frau machen kein Geheimnis aus ihren konservativen Überzeugungen und aus ihrer tiefen Verbundenheit mit Israel. Adelson hat schon früher Politiker unterstützt, meistens waren es Republikaner. In den innerparteilichen Vorwahlen der Republikaner Anfang 2012 half er Newt Gingrich, mit dem er seit langem befreundet ist, mit Spenden in Höhe von knapp 15 Millionen Dollar an dessen Super-PAC. Er begründete das damit, dass niemand so deutlich wie Gingrich an der Seite Israels stehe. Die Niederlage Gingrichs gegen Romney konnte Adelson freilich nicht verhindern. Seit sich Romney gegen seine innerparteilichen Konkurrenten durchsetzen konnte, kann auch er mit Adelsons Unterstützung rechnen: Zehn Millionen Dollar hat er allein im Juni an Romneys Super-PAC „Restore Our Future“ überwiesen, und das wird nicht das Ende der Spendierfreude Adelsons gewesen sein. Verfolgt man zurück, wem Adelson sein Geld gibt, so gibt es einen leicht erkennbaren roten Faden: Er fördert wirtschaftsliberale und konservative Überzeugungen sowie die Verbindung zwischen Amerika und Israel - dem geschäftlichen Kalkül muss das nicht schaden.
Sheldon Adelson war selbstverständlich dabei, als Mitt Romney Ende Juli Israel seinen ersten Besuch als republikanischer Präsidentschaftskandidat abstattete. Adelson half, ein Dinner für Spender im King David Hotel zu organisieren. In Jerusalem wurde Romney von Ministerpräsident Netanjahu besonders herzlich empfangen. Gleich zweimal traf der Likud-Vorsitzende den Republikaner während seines Kurzbesuchs. Adelson und Romney unterhalten beide seit langem enge persönliche Beziehungen zu Netanjahu. Und Adelson ist seit je Israel eng verbunden.

„Birthright“-Förderung und Zeitungen

Adelson unterstützt mit gut 100 Millionen Dollar ein Programm, das junge amerikanische Juden zum ersten Mal nach Israel bringt. Die Stiftung „Birthright“ will sie für das Land und eine mögliche spätere Einwanderung interessieren. Auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem bedenkt Adelson mit Spenden in Millionenhöhe, ebenso die Organisation „Ein Jerusalem“, die sich dafür einsetzt, dass die Stadt für immer die ungeteilte Hauptstadt Israels bleibt. Adelson lehnt eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern ab. An der konservativen Jerusalemer Forschungseinrichtung „Shalem Center“ hat er ein nach ihm benanntes Institut für strategische Studien finanziert.
Aber das meiste Geld gibt er für die im Jahr 2007 gegründete Gratiszeitung „Israel Hajom“ (Israel heute) aus. Deren Schlagzeilen dienten besonders in den vergangenen Tagen wieder als verlässlicher Hinweis darauf, in welche Richtung sich die israelische Regierung gerade bewegt, wenn es um Iran und Amerika geht. Die Kritiker nennen „Israel Hajom“ verächtlich das Sprachrohr Netanjahus. So konnte sich der Likud-Vorsitzende während seines siegreichen Wahlkampfs Anfang 2009 auf das im Tabloid-Format erscheinende Blatt verlassen.

Stärkung des Ministerpräsidenten

Adelson hält seinen Kritikern entgegen, er habe den Israelis nur zu einer faireren Berichterstattung verhelfen wollen. Israel verdiene einen „ausgewogeneren und akkurateren Journalismus, der spricht und nicht schreit“, heißt es in der Selbstdarstellung der Zeitung. Dafür warb „Israel Hajom“ bekannte Journalisten und Kommentatoren wie Amos Regev und Dan Margalit aus anderen Redaktionen ab. Mittlerweile ist „Israel Hajom“ die auflagenstärkste Zeitung des Landes mit seinen acht Millionen Einwohnern. Mit einer Auflage von 275000 Exemplaren an Werktagen und 350000 am Wochenende behauptet sie einen Marktanteil von knapp 39 Prozent.
Der Erfolg von „Israel Hajom“hat den anderen Zeitungen stark zugesetzt. So droht der rechtsgerichteten Zeitung „Maariv“, für deren Kauf sich Adelson zunächst interessiert hatte, der Bankrott. Auch Zeitungen wie „Jediot Ahronot“ und „Haaretz“ haben schwer zu kämpfen und werfen dem Gratis-Konkurrenten vor, den Anzeigenmarkt durch Dumpingpreise kaputtzumachen. Das angesehene „Israelische Demokratie-Institut“ warnte davor, dass die Zeitung die israelische Demokratie gefährde. Im israelischen Parlament scheiterte ein Gesetzesvorhaben, das ausländischen Investoren wie Adelson verbieten sollte, im großen Stil in israelische Presseunternehmen zu investieren. Ministerpräsident Netanjahu fühlt sich offenbar durch Adelsons Unterstützung nicht nur in Israel gestärkt, sondern auch in Amerika.
Die Zeitung „Haaretz“ zitierte am Wochenende einen ranghohen Regierungsvertreter in Israel, der behauptete, Netanjahu habe zeitweise geglaubt, „er und Adelson kontrollieren die politische Landschaft in Amerika“. So brüstete sich der israelische Regierungschef damit, dass er Obama zu schärferen Iran-Sanktionen veranlasst habe. Aber dann musste er einsehen, dass sein Einfluss Grenzen hat: Netanjahu scheiterte zuletzt jedoch mit dem Versuch, den Präsidenten dazu zu bringen, Teheran ein Ultimatum zu stellen.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp images/AP/Kin Cheung

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